8.4 Aschenzuttel aus Serbien

Heute geht es nach Serbien und zu einer Variante vom Aschenputtel, die ein bißchen an das süditalienische Märchen von gestern erinnert. Aber lest selbst…

Aschenzuttel

Einst spannen Mädchen, die der Rinder hüteten, um eine Grube herum sitzend, da kam ein Alter daher gegangen, dem der weiße Bart bis zum Gürtel niederquoll, der sprach zu ihnen: „Mädchen, hütet euch vor dieser Grube, denn wie einer von euch die Spindel hinein fiele, so würde ihre Mutter augenblicklich in eine Kuh verwandelt.“

Nachdem der Alte dies gesagt hatte, entfernte er sich wieder, die Mädchen aber, über seine Rede verwundert, rückten der Grube um so näher, und guckten neugierig hinunter. Da geschah es denn, daß plötzlich einem der Mädchen, welches eben das schönste unter ihnen allen war, die Spindel aus der Hand glitt und in die Grube fiel. Und als es am Abend heim kam, da war seine Mutter wirklich in eine Kuh verwandelt, stand vor dem Hause und blökte. Nun pflegte und fütterte das Mädchen die Kuh und trieb sie mit den übrigen Rindern auf die Weide. Einige Zeit hierauf nahm der Vater dieses Mädchens eine Wittwe zur zweiten Frau, die ebenfalls eine Tochter hatte, und gleich einen Haß auf ihr Stieftöchterlein warf, weil dieses viel schöner war als ihr eigenes Kind. Sie verbot ihr sich zu waschen und zu kämmen, sich umzukleiden, und suchte immer nach einer Ursache wie sie sonst auf alle Weise sie quälen und ihr ein Leid anthun könnte. So gab sie ihr einst am frühen Morgen einen ganzen Ranzen voll Flachsraufen* und sprach: „Wenn du dies Alles nicht heute fertig spinnst und in schöne Knäuel windest, darfst du mir den Abend nicht heim kommen, sonst bring ich dich um.“

Das arme Mädchen spann, mit ihrer Heerde hinaus gehend, so emsig als es nur vermochte, als aber am Mittag die Rinder sich im Schatten lagerten, und es sah, daß am Flachse noch gar nicht zu bemerken war, was es davon gesponnen hatte, da fing es bitterlich zu weinen an. Wie dies nun die Kuh sah, die einst seine Mutter gewesen war, hub sie auf einmal zu sprechen an und fragte was ihm fehle, worauf das Mädchen ihr der Reihe nach Alles erzählte, wie es sich verhielt. Da tröstete es die Kuh und sprach: „Gräme dich weiter nicht, ich will den Flachs, den du spinnen sollst, ins Maul nehmen und kauen, da wird alsbald aus meinem Ohre ein Faden hervor dringen, den erfasse und wind ihn in einen Knäuel.“ Und so geschah es auch. Die Kuh nahm den Flachs ins Maul und fing zu kauen an, das Mädchen brauchte den Faden nur aus dem Ohre hervorzuziehen und abzuwinden, es dauerte gar nicht lange, so war sie damit fertig. Als das Mädchen Abends der Stiefmutter den großen Knäuel gab, war diese im höchsten Grade verwundert, und gab ihm den nächsten Morgen noch viel mehr Flachs zu spinnen, als es aber auch diesen spann, und am Abend in einen großen Knäuel gewunden heim brachte, da dachte die Frau, seine Freundinnen müßten ihm geholfen haben, und gab ihm den dritten Morgen noch mehr Flachs als die beiden ersten Male, schickte ihm aber heimlich ihre eigene Tochter nach, damit diese lauschen sollte, wer ihm denn spinnen und auswinden helfe. Nachdem sich diese Kundschafterin versteckt und nun alles mit angesehen hatte, wie die Kuh den Flachs ins Maul nahm und kaute und die Hirtin das fertige Gespinnst nur aus dem Ohre zu ziehen und auszuwinden brauchte, da kehrte sie eilends heim und berichtete Alles getreulich ihrer Mutter. Sobald es diese vernommen hatte, drang sie in ihren Mann die Kuh zu schlachten. Anfänglich versuchte der Mann es ihr auszureden, als sie aber auf keinen andern Gedanken mehr zu bringen war, willigte er zuletzt ein und bestimmte einen Tag, an welchem er sie schlachten wollte. Als die arme Hirtin dies erfahren hatte und unaufhörlich weinte, die Kuh aber sie um die Ursache ihrer Betrübniß fragte, theilte sie ihr Alles mit, was zu Hause beschlossen worden war, da sprach die Kuh zu ihrem Kinde: „Beruhige dich und weine nicht, du sollst nur, wenn sie mich geschlachtet haben, nichts von meinem Fleische essen, sondern meine Gebeine sammeln und sie hinter dem Hause unter dem und dem Stein in die Erde graben, und wenn du in Noth und Bedrängnis, bist, so komm dorthin auf mein Grab und du sollst Hilfe finden.“

Nachdem sie die Kuh geschlachtet hatten und deren Fleisch zu verzehren anfingen, wollte das Mädchen davon auch nicht einmal kosten, und half sich mit der Ausrede, daß es gar nicht hungrig sei und nichts essen könne; die Knochen jedoch las es sorgfältig zusammen und begrub sie an dem, von der Kuh bezeichneten Ort. Der eigentliche Name dieses Mädchens war Mara, da es aber zu den meisten Arbeiten und Verrichtungen im Hause, als zum Wassertragen und Kochen, zum Abspülen der Kochgeschirre, zum Ausfegen des Hauses und zu anderen häuslichen Arbeiten angehalten wurde, und viel am Feuer und beim Heerde zu thun hatte, so nannten die Stiefmutter und deren Tochter es nur Aschenzuttel.

Einst, an einem Sonntage, nahm die Stiefmutter, ehe sie mit ihrer Tochter nach der Kirche ging, eine große Schüssel voll Hirse, streute sie im Hause herum, und sprach zur Stieftochter: „Höre, Aschenzuttel, wenn du nicht all diese Hirse ausgelesen und das Mittagessen fertig gekocht hast, bis wir aus der Kirche zurück kommen, so bringe ich dich um.“ Nachdem sie mit ihrer Tochter fortgegangen war, brach die arme Stieftochter in Thränen aus, bei sich selber sprechend: „Um das Mittagessen wäre mir nicht bange, leicht wollt ich damit fertig werden, aber wer ist im Stande diese Hirse auszulesen!“ Da fiel ihr mit einem Male ein, daß die Kuh ihr gesagt hatte, wenn sie in Noth sein würde, sollte sie hinausgehen auf ihr Grab, dort werde sie Hilfe finden, und ungesäumt eilte sie hinaus. Wie sie aber hinkam, was sah sie da? auf dem Grabe stand eine große offene Truhe voll der köstlichsten und mannigfaltigsten Gewänder, auf dem Deckel aber saßen zwei weiße Täubchen, die sprachen zu ihr: „Mara, wähle dir aus dieser Truhe ein Kleid, zieh es an und geh damit zur Kirche, indeß werden wir die Hirse auslesen, und alles Uebrige besorgen.“ Vergnügt langte Mara nach dem ersten Kleide das oben auf lag und ganz aus reiner Seide war, zog es an und begab sich in die Kirche. Dort angekommen, bewunderten Alle, Männer wie Frauen ihre ausnehmende Schönheit, ihre prächtigen Kleider um so mehr, weil sie Allen fremd war, und Keiner wußte wer, noch woher sie gekommen sei. Aber mehr als allen Anwesenden gefiel sie dem Sohne des Kaisers, der auch anwesend war, und ein besonderes Auge auf sie warf.

Als die Messe schon bald zu Ende ging, schlich sich Aschenzuttel aus der Kirche und eilte heim. Dort zog es schnell die schönen Kleider aus, legte sie in den Koffer, der sich alsbald von selbst schloß und verschwand, und wie es zum Feuer gehen will, da findet es das Mittagessen gekocht, die Hirse ausgelesen, alle sonstige Arbeit verrichtet. Bald nach ihr kommt auch die Stiefmutter mit ihrer Tochter zurück, und Beide wundern sich die Hirse ausgelesen und alles Uebrige so in Ordnung zu sehen.

Den nächsten Sonntag darauf, als sich die Stiefmutter anschickte mit ihrer Tochter zur Kirche zu gehen, streute sie beim Weggehen noch mehr Hirse als das erste Mal im Hause herum, und sprach zur Stieftochter: „Wenn du diese Hirse nicht alle ausgelesen, dann das Essen fertig gekocht, und alle übrige Arbeit verrichtet hast, bis wir von der Kirche zurückkommen, so bringe ich dich um.“ Kaum waren aber die Beiden fort, als die Hirtin auch schon hinaus eilte auf ihrer Mutter Grab. Daselbst fand sie wieder den Koffer offen wie das erste Mal, und auch die zwei weißen Täubchen saßen wieder auf dem Deckel und sprachen zu ihr: „Kleide dich an, Mara, und geh zur Kirche, wir wollen indeß die Hirse auslesen und für dich arbeiten.“ Da nahm sie aus dem Koffer ein Kleid, das von hellem Silber strahlte, zog es an und ging fort in die Kirche. Dort wurde sie diesmal noch mehr angestaunt und des Kaisers Sohn verwandte kein Auge von ihr. Sobald aber die Messe zu Ende ging, wußte sie sich aus der Menge wegzuschleichen, und nach Hause zu eilen, woselbst sie die Kleider schnell im Koffer barg, und sich ans Feuer stellte. Als nun darauf auch die Stiefmutter mit ihrer Tochter nach Hause kam, da verwunderten sich Beide noch mehr als das erste Mal, die Hirse ausgelesen, das Essen fsertig, alle sonstige Arbeit gethan zu finden, und wußten sichs gar nicht zu erklären. Den dritten Sonntag aber, als die Stiefmutter sich wieder anschickte mit ihrer Tochter zur Kirche zu gehen, streute sie beim Fortgehen noch viel mehr Hirse, als die beiden andern Male im Hause herum, indem sie zur Stieftochter wie früher sprach: „Wenn du nicht, bis wir von der Kirche zurück kommen, diese Hirse ganz ausgelesen, dann das Essen gekocht, und alle übrige Arbeit verrichtet hast, so bring ich dich um.“ Doch die Stieftochter wußte schon wo für sie Hilfse zu finden war, und nachdem die Beiden das Haus verlassen hatten, eilte sie hinaus auf der Mutter Grab, wo sie auch wieder die Truhe offen fand, und auf deren Deckel die zwei weißen Täubchen, welche sie hießen geschwind sich ankleiden und in die Kirche gehen, um das, was im Hause geschehen solle, möge sie sich weiter nicht kümmern. Da nahm sie diesmal aus dem Koffer ein Kleid, das war eitel Gold, zog es an und ging damit in die Kirche. Dort war der Verwunderung von allen Seiten kein Ende, der Kaisersohn aber hatte sich vorgenommen, heute sie nicht so entschlüpfen zu lassen, wie die andern Male, sondern genau Acht zu haben, wo sie hingehe. Als daher die Messe sich ihrem Ende nahte und sie fortgehen wollte, folgte ihr der Prinz auf der Ferse nach, und wie sie so hastig durch die Menge sich drängte, da geschah es, daß ihr der rechte Pantoffel vom Fuße fiel. In der großen Eile aber blieb ihr keine Zeit ihn aufzunehmen, sie mußte ihn zurück lassen, und mit bloßem Fuße den Weg fortsetzen. Zu Hause angekommen, zog sie so schnell wie möglich die prächtigen Kleider aus, und stellte sich ans Feuer, ihren gewöhnlichen Platz.

Dem Prinzen aber war nicht entgangen was sie verloren hatte, er hatte das Pantöffelchen aufgehoben und zu sich gesteckt, und fing nun damit im ganzen Lande zu suchen an, indem er allen Mädchen auf die Füße sah, jede das Pantöffelchen probieren ließ, doch nicht einer Einzigen wollte es passen, der Einen war es zu lang, der Andern zu kurz, dieser zu eng, jener zu weit. Wie er so suchend von Haus zu Haus ging, da kam er zuletzt auch in das Haus des Vaters der Hirtin. Die Stiefmutter aber, als sie sah, daß des Kaisers Sohn das schöne Mädchen zu suchen in ihr Haus kommen werde, verbarg eilends Aschenzuttel unter einen Trog, und als der Prinz mit dem Pantöffelchen eintrat und fragte, ob sie ein Mädchen im Hause habe, erwiederte sie ihm, ja ein Einziges, und führte ihm ihre Tochter vor. Als ihr aber der Prinz das Pantöffelchen anprobieren ließ, und das Mädchen nicht einmal die Zehen hineinzwängen konnte, fragte der Prinz, ob sie denn nicht noch ein Mädchen im Hause habe? Worauf sie ihm zur Antwort gab: „Nein.“ In dem Augenblicke flog aber der Haushahn auf den Trog und rief: »Kickeriki! Das Mädchen steckt unter dem Troge hie!“ „Pst!“ rief die Stiefmutter, „daß dich der Geier hole!“ Der Prinz aber, wie er vernahm was der Hahn krähte, eilte schnell hinzu und hob den Trog auf. Sieh, da fand er Aschenzuttel unter dem Trog angethan mit denselben Kleidern, welche es trug, als es das dritte Mal zur Kirche ging, nur am rechten Fuß fehlte ihm ein Pantöffelchen. Und wie es der Prinz da in seiner Schönheit erblickte, wußte er sich in seiner Freude gar nicht zu lassen. Schnell hieß er es das Pantöffelchen an dem rechten Fuß anziehen, und als er sah, daß es ihm nicht nur ganz recht war, sondern auch zu dem am linken Fuß getragnen genau paßte, da führte er es mit sich aus sein Schloß und machte es zu seiner Gemahlin.

* Eine Raufe ist so viel, als man einmal auf den Nocken binden kann.

 

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Auch hier fehlt also das Haselzweiglein, aber noch mehr als die süditalienische Stieftochter weicht dieses Märchen von ‚unserem‘ Aschenputtel ab. Anstatt eines sozusagen zufälligen Schäfchens wird hier die Mutter-Kuh getötet. Und der Hit ist es dann natürlich, wenn das aufgerüschte Aschenzuttel in ihren schönen Kleidern nicht auf den Ball, sondern ganz gesittet in die Kirche geht. Christliche Moralkeule vom feinsten.

Textquelle: Volksmärchen der Serben. Gesammelt und herausgegeben von Wuk Stephanowitsch Karadschitsch. Ins Deutsche übersetzt von dessen Tochter Wilhelmine. Mit einer Vorrede von Jacob Grimm. Nebst einem Anhange von mehr als tausend serbischen Sprichwörtern. Berlin: Druck und Verlag von Georg Reimer 1854, S. 187-194.
Bildquelle: Eine weitere halb-fremde Illustration und zwar von Anning Bell zu der Grimmschen Variante

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