8.3 Die Stieftocher – oder Aschenputtel auf Italienisch

Deutschland war gestern (okay, und vorgestern). Heute geht es nach Süditalien und zu einem doch ganz anderen Aschenputtel. Aber lest selbst…

Die Stieftochter

Es war einmal ein Mann, dem war die Frau gestorben, und nur ein Töchterlein war ihm geblieben. Dieses wollte er nicht allein lassen, und so nahm er, nachdem das Trauerjahr um war, eine zweite Frau, sodaß das Mädchen jetzt eine Stiefmutter hatte. Nicht alle Stiefmütter lieben die Stieftöchter, und diese mochte die ihre nun gar nicht ausstehen und quälte sie, wo sie nur wußte und konnte. So gab sie ihr jeden Morgen eine schwere Arbeit, und essen durfte sie erst dann, wenn sie diese vollendet hatte.

Eines Tages fand ihr Vater auf dem Felde ein Schäfchen, das brachte er seiner Tochter nach Hause, denn er liebte sie gar sehr, obschon er der zweiten Frau nichts davon merken lassen durfte. Das Schäfchen blickte dem Mädchen ins Gesicht und sah, daß es gar abgehärmt und traurig war, da fing es an zu sprechen: „Um die Arbeiten sorge dich nicht mehr, lege sie mir nur zwischen meine Hörner, und alles wird gemacht werden.“ So that das Mädchen, und siehe, die Arbeiten waren in einem Nu vollendet.

Die böse Stiefmutter aber bekam Wind, die Arbeiten waren in einem Ave Maria gemacht, das war nicht des Mädchens Werk. Sie lauschte und erfuhr, wie die Dinge standen. Wie der Mann abends heimkam, war ihr erstes Wort: „Höre, das Schäfchen muß geschlachtet werden, es soll unser Osterlamm sein.“ Der Mann sagte gar nichts dazu, das Mädchen aber weinte bittere Thränen um das Schaf. Dieses jedoch tröstete und sprach: „Weine nicht, sorge dich auch nicht um mich, sondern laß mich getrost schlachten. Von meinem Fleische issest du keinen Bissen, sammelst aber alle meine Knöchlein und begräbst sie unter dem Fußboden.“

Das Schäfchen wurde geschlachtet, und das Mädchen that so, wie es ihm zuvor geheißen. Nach einiger Zeit kamen zwölf Jungfrauen aus dem Boden, wo sie die Gebeine begraben, die kleideten sie und schmückten sie mit Gold und Silber und führten sie zum Feste des Königs. Als der König dieses Mädchen sah, war er wie geblendet, er sah nur sie und wich den ganzen Abend nicht von ihrer Seite. Als sie wegging, gab er seinen Dienern Befehl, ihr zu folgen, damit er wisse, woher sie komme.

Sie merkte aber, daß ihr die Diener folgten, und löste alsbald ihre Flechten, daß die Perlen auf den Boden fielen und die Diener im Auflesen ihre Spur verloren. Der König wurde ganz zornig, und am nächsten Abend befahl er ihnen bei Verlust ihres Kopfes, den Weg des Mädchens zu finden. Beim Weggehen warf sie diesmal den Dienern ihren Schuh hin und entkam. Die Diener brachten den Schuh zum Könige, der nahm ihn und ließ verkünden: „Diejenige, an deren Fuß dieser Schuh paßt, soll meine Gemahlin werden.“ Kaum wurde dies bekannt, so liefen Frauen und Mädchen von allen Orten und Enden zum Könige, aber keiner wollte der Schuh passen.

Die Stiefmutter, ihrer Stieftochter einen Hohn zu bereiten, führte diese auch zum Könige. Wie groß aber war ihr Aerger und Erstaunen, als sie sehen mußte, daß jener der Schuh wie angegossen paßte. Und da war auch schon die Musik da und das Hochzeitsfest wurde mit großem Pomp gefeiert.

Sie führten ein gar herrlich Leben,
Uns haben sie nichts davon gegeben.

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Herr Kaden, der Herausgeber der von mir benutzten Märchensammlung, erklärt in seinen Anmerkungen, dass das Märchen „[i]m Grunde eine Vermischung des Märchens vom Machandelbaum mit Aschenbrödel“ sei. Zu Erklärung: In diesem Märchen begräbt ein Mädchen die Knochen ihres toten Bruders unter einem – Überraschung – Machandel, d.h. Wacholderbaum, worauf ein Vogel aufpoppt, ein bißchen rumwirbelt und zack! ist der der Bruder wieder lebendig. Und tatsächlich ist der Anfang offenbar einem anderen Märchen entlehnt, bis am Ende alles wieder gut wird mit Schuh und König und allen Schikanen. Von Haselnuss und Vögelchen aber keine Spur, stattdessen das örtlich wohl sinnreichere Schäfchen.

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Textquelle: Unter den Olivenbäumen. Süditalische Volksmärchen. Nacherzählt von Woldemar Kaden. Leipzig: F.A. Brockhaus 1880, S. 104ff. und 255.
Bildquelle: Zugegeben handelt es sich um eine Illustration von Gustave Doré zu Cinderealla – aber eine so schöne…

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