8.2 Das schwäbische Aschengrittel

Wir bleiben noch ein bißchen in deutschen Landen, denn es gibt hier – wer hätte es geahnt – durchaus auch andere Varianten des Aschenputtel-Märchens, wie diese hier aus Schwaben. Aber lest selbst…

Aschengrittel

Ein junges Mädchen hatte eine Stiefmutter und zwei Stiefschwestern, die es alle mit einander beständig zankten und quälten und neckten, also, daß das arme Kind schon früh recht viel zu leiden hatte. Es mußte alle Arbeiten im Hause thun, und ihre jüngern Schwestern durften ihr befehlen, was sie nur wollten; und das thaten sie denn auch und gebrauchten sie zu den niedrigsten Arbeiten, als ob sie eine gewöhnliche Dienstmagd wäre. Sie mußte Waßer holen, Schuhe und Kleider putzen, das Haus kehren, die Schüßeln spülen, und bekam immer alte, abgetragene Kleider. Aus Spott wurde sie von der Stiefmutter und den Schwestern bloß Aschengrittel genannt; denn um sie zu ärgern, warfen sie zuweilen eine Handvoll Linsen in die Asche und sagten ihr, daß sie sie wieder herauslesen sollte.

Da geschah es, daß der Vater einmal eine Reise machen wollte und seine Töchter fragte, was sie sich wünschten, daß er ihnen mitbringe. Da wünschten sich die beiden jüngsten schöne Kleider und goldene Ohrringe und Halsketten, die ihnen der Vater auch mitzubringen versprach. Aschengrittel aber wünschte sich bloß das erste Zweiglein, welches der Vater unterwegs mit seinem Hute berühre. Die Schwestern lachten und spotteten darüber, weil’s ihnen gar zu dumm vorkam; allein Aschengrittel kümmerte sich nicht darum und war ganz vergnügt, als der Vater ihr einen kleinen Haselzweig mitbrachte; denn der hatte wirklich zuerst seinen Hut berührt. Aschengrittel steckte den Zweig aus Freude an seine Brust und trug ihn beständig bei sich. Als es nun am folgenden Tage zum Brunnen gieng, um Waßer zu schöpfen, da kam mit einem Male aus dem Brunnen ein „Zwergle“ ein kleines altes Männlein, das hatte einen ganz weißen Bart und sagte zu Aschengrittel: es dürfe für sich drei gute und drei böse Wünsche thun, die sollten ihm gewährt werden. Da wollte aber Aschengrittel die bösen Wünsche nicht nehmen und wünschte sich zum ersten: daß doch ihre Mutter und die Schwestern künftig freundlich gegen sie sein möchten. Darüber verwunderte sich das Zwerglein und sagte: „Ich sehe wohl, daß Du ein gutes Herz hast, und will Dir deshalb dieß goldne Stäblein schenken, das wird Dir Alles verschaffen, was Du Dir nur wünschen magst. Du darfst nur mit dem Stabe zum Brunnen gehen und damit auf den Brunnenrand klopfen und Deinen Wunsch aussprechen, so wird er alsbald Dir erfüllt werden.“ Und wie das Männlein dies gesagt hatte, war es mit einem Male wieder verschwunden. Aschengrittel aber verwahrte das Stöcklein sehr wohl und war fröhlich und guter Dinge.

Da trug sich’s zu, daß der junge König einen großen Ball veranstaltete; denn er gedachte sich zu vermählen und wollte gern sehen, welches wohl die schönste Jungfrau im Lande sein möchte. Auf diesen Ball giengen auch die Schwestern von Aschengrittel; aber Aschengrittel selbst durfte nicht hinkommen, weil es so zerrißene und schmutzige Kleider anhabe, sagten sie. Kaum aber waren alle fort, so that Aschengrittel flink seine Hausarbeit, dann wusch und kämmte es sich, holte sein goldenes Stäblein hervor und gieng damit zum Brunnen und klopfte auf den Rand und wünschte sich ein schönes Ballkleid mit allem Schmuck, der dazu gehöre. Mit einem Male lag ein wunderschönes Kleid und der prächtigste Schmuck von Gold und Perlen daneben. Schnell legte Aschengrittel alles an und gieng in’s Schloß auf den Ball. Da kannte nun Niemand das schöne Fräulein. Sie war aber so wunderschön anzusehen, daß man die Augen gar nicht von ihr wegwenden konnte, weshalb denn auch der junge König den ganzen Abend hindurch am meisten und am liebsten mit ihr tanzte und sehr vergnügt war. — Mit einem Male aber, noch ehe die andern fortgiengen, war Aschengrittel verschwunden. Dem Könige that das sehr leid, weil er gar nicht wußte, wer die Jungfrau war und wo sie wohnte. Deshalb veranstaltete er bald einen zweiten Ball. Da machte es Aschengrittel ebenso wie das erste Mal und hatte einen noch weit kostbareren Schmuck und schien so schön, daß der König sich ganz in sie verliebte und sie gar nicht mehr von feiner Seite ließ. Zuletzt bat er sich’s sogar aus, daß er sie nach Haus begleiten dürfe; allein Aschengrittel wußte sich wieder allein fortzuschleichen. Nun hatte der junge König keine Ruhe mehr, bis daß der dritte Ball gegeben wurde. Da erschien auch Aschengrittel wieder und der König meinte, sie sei dießmal noch viel schöner als die beiden früheren Male, und war über die Maßen glücklich. Damit sie aber nicht noch einmal ihm entschlüpfe und damit er endlich erfahre, wo sie wohne, so ließ er alle Thüren des Schloßes bis auf eine verschließen, an dieser einen aber die Schwelle mit Pech bestreichen. Nun gab er beständig Achtung auf Aschengrittel und gedachte sie nach Haus zu begleiten, und sah auch richtig, wie sie eben sich fortschleichen wollte. Da gieng er ihr nach; allein Aschengrittel hatte ihn auch gesehen und lief, was sie nur konnte, zu der Thür hinaus, und ließ lieber ihren einen goldenen Schuh, der an dem Pech stecken blieb, im Stich, als daß sie den König mit nach Haus genommen hätte.

Der junge König aber war doch froh, daß er wenigstens Etwas von dem lieben Mädchen bekommen hatte; und außerdem war der goldne Schuh so schön, so fein und zierlich, wie er noch nie einen gesehen hatte. Deshalb ließ er gleich am folgenden Tage bekannt machen: daß das Fräulein, welchem dieser Schuh passe, seine Gemahlin werden solle, und gieng selbst damit von Haus zu Haus, damit alle jungen Mädchen ihn anprobiren möchten.

Da kam er auch in das Haus, wo Aschengrittel wohnte, und die Stiefmutter führte sogleich ihre beiden Töchter in die Kammer, um den Schuh anzuprobiren, und beredete die eine, als sie nicht hineinkommen konnte, sich die große Zehe abzuschneiden, was sie auch that; allein es war umsonst. Die andere Schwester schnitt sich ein Stück von der Ferse ab; aber es half ihr auch nichts. — Den König aber hat es angeschauert, wie er in dem Schuh noch Blutflecken erblickte, und er sprach:

Gru, Gru!
Der Schuh ist voll Blut!
Das ist nicht die rechte Braut.

Als er sodann hörte, daß die Frau auch noch eine Stieftochter habe, so wollte er sie durchaus sehen, obwohl die Mutter ihm sagte, daß sie ein schmutziges und wüstes Ding sei und man sich ihrer schämen müße und sie nicht sehen laßen könne. Als nun endlich Aschengrittel hervorgeholt wurde und den kleinen Schuh anprobirte, so passte er ihr ganz genau, und der König erkannte, trotz der schlechten Kleider, auch sogleich seine Geliebte, und herzte und küsste sie und machte sie zur Königin.

*******

Es scheint ein bißchen so, als wäre hier der verkürzte Aschenputtel-Anfang unterbrochen von einem anderen Märchentyp – wenn der Haselzweig nix tut, aber dafür das brunnenzwerglein den goldenen Zauberstab rüberreicht – um dann wieder zurück zum Ball, dem Schuh und dem Prinzen zu kehren. Der Knaller ist dann natürlich, wenn dem König die Verse der Täublein in den Mund gelegt werden… „Gru, Gru“ indeed. 😀

Textquelle: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Aus dem Munde des Volks gesammelt und herausgegeben von Dr. Ernst Meier, außerordentlichem Professor der morgenländischen Sprachen an der Universität Tübingen. Stuttgart: C. P. Scheitlin’s Verlagsbuchhandlung 1852, S. 16-20.
Bildquelle:

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s