7.5 Die Ratten und ihr Töchterlein

Natürlich komme ich auch diese Woche nicht an einem Tiermärchen vorbei. Zumal dieses fast wie ein Anti-Text zu den armes-Mädchen-wird-Frau-eines-Prinzen-Märchen zu sein scheint. Aber lest selbst…

Die Ratten und ihr Töchterlein

Einst lebte in der Nähe eines einsamen Gehöftes, das von Reisfeldern umgeben war, ein Rattenpaar, sehr geachtet von seines gleichen und in bestem Wohlstand. Diesen Ratten wurde unter vielen anderen Kindern einmal eine Tochter geboren, so niedlich und mit so glänzendem, grauem Felle versehen, mit so nett emporstehenden breiten Öhrchen uud so leuchtenden Äuglein, dass sie ganz außerordentlich stolz auf dies Töchterlein wurden und Tag aus, Tag ein mir daran dachten, wie sie ihm eine recht glänzende Zukunft bereiten sollten. Und als die kleine Ratte heranwuchs, da kamen ihre Eltern immer mehr darin überein, dass nur das mächtigste Wesen der ganzen Welt ihr Gemahl werden solle.

Als sie diese Angelegenheit einstmals mit einem Nachbar besprachen, sagte dieser: „Wenn ihr eure Tochter nur dem Mächtigsten zur Frau geben wollt, so müsst ihr die Sonne zu eurem Schwiegersohne ausersehen, denn ohne alle Frage ist der Sonne Niemand an Macht gleich.“

Das leuchtete dem Rattenpaare ein, und ohne Zögern machten sie sich auf den Weg zur Sonne und brachten ihr Anliegen vor, sie möchte ihr Töchterlein heiraten. Die Sonne aber erwiderte: „Zwar bin ich euch sehr verbunden, dass ihr euch so weit herbemüht habt und die freundliche Absicht hegt, mir eure vielgeliebte Tochter zur Frau zu geben, aber bitte, sagt mir, was für einen Grund habt ihr dafür, dass ihr gerade mich zum Schwiegersohne ausersehen habt?“ Die Ratten sagten: „Wir möchten unsere Tochter gern dem mächtigsten Wesen der Welt zur Frau geben, und das bist ohne allen Widerstreit eben du. Damm haben wir dich zum Schwiegersohne erwählt.“ Da sprach die Sonne: „Was ihr da sagt, ist wohl nicht ohne allen Grund, aber es gibt doch etwas, das mächtiger ist als ich. Dem müsstet ihr also euer Töchterchen zur Frau geben.“ Die Ratten entgegneten: „Kann denn wirklich etwas mächtiger sein, als du?“ Die Sonne aber sprach: „Wenn ich die Welt bescheinen will dann kommt gar oft eine Wolke herangezogen und deckt mich zu, und meine Strahlen vermögen sie nicht zu durchdringen noch zu verscheuchen; ich bin machtlos gegen die Wolke. Da müsstet ihr also zur Wolke gehen und sie zu eurem Schwiegersohne machen.“ Das sahen die Ratten ein und gingen zur Wolke.

Als sie dieser ihr Anliegen vorgetragen hatten, da sprach die Wolke: „Ihr irrt, wenn ihr meint, dass ich das mächtigste Wesen bin. Wohl habe ich die Macht, die Sonne zu bedecken, aber ganz ohnmächtig bin ich gegen den Wind, und fängt der zu wehen an, so treibt er mich fort, reißt mich in Stücke und ich vermag nichts gegen ihn.“

Da gingen denn die Ratten zum Winde und machten ihm den Vorschlag, ihre Tochter zu heiraten, die sie gern dem mächtigsten Wesen zur Frau geben wollten. Der Wind aber sagte: „Ihr seid im Irrtum; wohl habe ich Kraft, die Wolke zu verjagen, aber machtlos bin ich gegen die Mauer, die man errichtet, um mich zurückzuhalten; ich kann nicht hindurchblasen und ihr nichts anhaben, die Mauer ist viel stärker als ich.“

Da zogen die Ratten wieder fort und kamen zur Mauer, der sie in gleicher Weise ihre Bitte vortrugen. Die Mauer jedoch entgegnete: „Wohl wahr, ich habe die Kraft, dem Winde zu widerstehen; aber da ist die Ratte, die untergräbt mich, bohrt sich in mich hinein und macht Löcher durch mich hindurch, ohne dass ich es hindern kann. Ich bin ohnmächtig gegen die Ratte. Viel besser tut ihr also, ihr nehmt die Ratte zu eurem Schwiegersohne, als dass ihr mich wählt!“

Da freuten sich die Ratten und sahen ein, dass die Mauer vollkommen recht hatte. Sie gingen heim und verheirateten ihr liebes Töchterlein an einen stattlichen Rattenjüngling. Und das haben sie nicht bereut, denn ihr Töchterlein lebte mit dem Manne aus ihrem eigenen Geschlecht vergnügt und glücklich und nicht minder zur Freude und Zufriedenheit ihrer Eltern, die so hoch mit ihr hinaus gewollt hatten.

 

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Erstmal sei gesagt, dass solche Kettenmärchen nichts ungewöhnliches sind. Und das Format hat ja auch noch in (Volks-)Liedern Eingang gefunden. Immer ahnt man also schon recht bald, worauf es hinaus läuft und doch ist der Weg jedesmal lustig.

Aber spannend finde ich doch die moralische Pointe, wenn es also anscheinend darum geht, dass eben nicht der Königssohn (bzw. dessen Äquivalent die Sonne) das Ziel sein sollte, sondern der gute Fang im eigenen Milieu/Volk? Was meint ihr?

 

Textquelle: Japanische Märchen und Sagen. Von David Brauns, Professor an der Universität Halle. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, kgl. Hofbuchhändler 1885, S. 85-87.
Bildquelle: Tsukioka Yoshitoshis Priest Raigo of Mii Temple (1891); das Bild zeigt den in eine Ratte verwandelten Priester Raigo, der mit seinen Rattenkumpanen aus Rache für seine Missachtung durch den Kaiser den Tempel zerstört)

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