7.4 Das Mädchen mit dem Holznapf

Märchen über arme, schöne und tugendhafte Mädchen, die schließlich ihr (Liebes=Ehe-)Glück finden, gibt es ja überall und also auch in Japan. Aber lest selbst…

Das Mädchen mit dem Holznapf

Vor langen, langen Jahren lebte in der Provinz Yamato in einem kleinen Dorfe ein Ehepaar, das ehedem gute Tage gesehen hatte. Geachtet und geehrt hatte dasselbe in Wohlstand und Behaglichkeit gelebt, doch das Unglück war über sie gekommen und hatte sie gänzlich verarmen lassen. Da es ihnen nun unerträglich war, in so traurig veränderten Verhältnissen angesichts ihrer Freunde und Verwandten zu leben, so zogen sie aus deren Nähe fort, weit fort, in das kleine Dorf.

Das einzige Glück, das sie besaßen, war ein bildschönes Töchterlein, so schön, o so schön, dass weit und breit kein schöneres Mädchen zu finden war. Leider konnte der Vater sich nicht lange dieses Glückes freuen, denn er legte sich hin und starb, und da war die Mutter mit ihrer Tochter ganz allein. Als der Kummer um den Verlust ihres guten Mannes sich etwas gelegt hatte, konnte die arme Frau sich doch nicht mehr so recht von Herzen der Schönheit ihres Kindes freuen. „Diese große Schönheit,“ dachte sie, „kann sehr verderblich werden, denn einem armen Mädchen werden zu viele Fallstricke gelegt, in denen es oft elendiglich zu Grunde geht.“ Deshalb ließ sie von nun an die Schönheit ihrer Tochter unbeachtet und lenkte deren Sinn nur auf Fleiß und Tugenden aller Art, die ihr Segen bringen mussten.

Das Mädchen hörte auch auf alle Lehren der Mutter und ward ein braves, gutes Kind, das ihr nur Freude bereitete. So waren Jahre verstrichen, als eines Tags die gute Mutter erkrankte und ihr Ende nahen fühlte. Da rief sie ihre Tochter an das Lager und ermahnte sie, immer gut und fromm zu bleiben. Und weil die Sorge um das schöne Mädchen, das nun bald allein und ohne jeglichen Schutz in der Welt dastehen würde, alle ihre Sinne gefangen hielt, so befahl sie ihrer Tochter, einen runden Holznapf, der draußen stand, herein zu holen. Das Mädchen tat dies auch sofort, und als sie den Napf der Mutter reichte und neben deren Lager niederkniete, da nahm ihn die Sterbende und setzte ihn, den Boden nach oben gekehrt, der Tochter auf den Kopf. Nun war das Gesicht des schönen Kindes ganz beschattet, und Niemand konnte ahnen, wie viel Schönheit der Napf verborgen hielt. Die Kranke war beruhigt, und nachdem sie sich noch von ihrer Tochter das Versprechen hatte geben lassen, den Napf nie von ihrem Kopfe zu entfernen, da legte sie sich getröstet auf ihr Lager zurück und verschied.

Nun war das Mädchen ganz allein auf der Welt und auf sich angewiesen; sie musste sich selbst ihren Lebensunterhalt verdienen. Tag für Tag ging sie nun fort und arbeitete treu und fleißig für die Landbesitzer der Umgebung auf deren Feldern, und wenn sie Abends sich zur Ruhe legte, so konnte sie mit gutem Gewissen ihrer Eltern gedenken und brauchte sie nicht zu scheuen, denn sie blieb den Ermahnungen der Mutter stets treu und hütete sich vor jedem Fehltritt. Da sie stets den Holznapf trug, so nannten sie die Leute Hatschibime, das heißt die Jungfrau mit dem Napfe, und weil es doch genug übermütige Menschen auf der Welt gibt, so kam mancher Jüngling, der etwas von ihrer Schönheit merkte, und suchte sie zu bewegen, den Holznapf abzunehmen. Doch das schöne Mädchen blieb standhaft und wies die Zumutungen stets von sich, auch wenn es seine harte Lage damit hätte verbessern können. Pflichtgetreu fuhr sie fort zu arbeiten; der spärliche Lohn fristete ihr Leben, und das war ihr genug, sie verlangte nichts mehr.

Doch eines Tages, als sie emsig auf dem Felde arbeitete, da bemerkte der reichste Landbesitzer der ganzen Umgebung ihren Fleiß und dachte bei sich, dass sie eine treffliche Arbeiterin wäre, wie man sie selten haben könnte; und deshalb trat er zu ihr heran und belobte sie und behielt sie in Arbeit, lange Zeit. Und wie er merkte. dass sie eben so sittsam und wohlerzogen wie arbeitsam war, nahm er sie zu sich ins Haus und führte sie an das Bett seiner kranken Frau, deren Pflegerin das schöne Mädchen nun wurde.

Jetzt kamen ruhigere, gute Zeiten für die treue Hatschibime, und sie dankte den Göttern inbrünstig für ihr Glück. Doch hatte sie sich geirrt, wenn sie meinte, sie würde immerdar sich dieser Ruhe freuen; das Ende ihrer Prüfungszeit war noch nicht gekommen. Gerade um dieselbe Zeit, als Hatschibime in das Haus des reichen Mannes einzog, kam dessen ältester Sohn nach Hause zurück. Derselbe war in Kioto, der großen, herrlichen Residenz, des Mikado, gewesen und hatte dort viel studiert und gelernt.

Übersättigt von allen genossenen Herrlichkeiten war er sehr glücklich in der ländlichen Zurückgezogenheit, die er in seiner Heimat fand, und sehnte sich nicht nach den schalen Vergnügungen der Hauptstadt zurück. Und nicht sobald hatte er das Mädchen mit dem Holznapfe erblickt, als er auch neugierig ward, von ihr zu hören. Man erzählte ihm von ihrer Grille, den Napf nie abnehmen zu wollen, und er lachte darüber. Doch als er ihr sinniges, tugendsames Wesen gewahr ward, und als er eines Tages, ohne dass sie es merkte, ein wenig unter den Napf lugte und ihre große Schönheit ersah, da entbrannte er ganz und gar in Liebe zu ihr, verhehlte dies auch keinen Augenblick und beschloss das Mädchen zu heiraten. Allein die Eltern und Verwandten stellten sich dieser Absicht durchaus entgegen; seine Mutter und seine Tanten wollten sogar Übles von dem guten Mädchen reden. Er jedoch kehrte sich daran nicht; er sah stündlich ihre vielen Tugenden und fand bald, dass alle jene Verleumdungen eitel Geschwätz waren. So blieb er denn fest in seinem Entschlusse, sie zu heiraten, und setzte ihn auch endlich bei den Seinigen durch, alle mussten sich drein ergeben. Was wollten sie auch machen? Er ließ sich nun einmal in die Sache nicht dreinreden, und so machten sie einer nach dem andern gute Miene und erklärten sich mit der Heirat einverstanden.

Doch nun geschah, woran Niemand gedacht, was Niemand geahnt hatte: das arme Mädchen mit dem Holznapfe auf dem Kopfe machte Schwierigkeiten und wollte nicht in ihre Verbindung mit dem jungen Manne willigen. Das war doch sonderbar; allein Hatschibime dachte, es sei doch nicht recht, ihr hartes, aber ruhiges und sicheres Loos gegen den Wunsch ihrer Beschützer mit Wohlleben und die gewohnte Arbeit mit Nichtstun zu vertauschen. Zwar war sie dem Sohne ihres Wohltäters von Herzen zugetan und weinte deshalb bittere Tränen, aber sie blieb doch seinem Vorsatze treu. Als aber die Nacht gekommen und das arme Kind eingeschlafen war, da erschien ihm seine Mutter im Traume und befahl ihm. den jungen Mann zu heiraten. Nun stand es vergnügt auf, und als es noch einmal gefragt wurde, ob es nicht dennoch Ja sagen wolle, da willigte es mit tausend Freuden ein.

Der Hochzeitstag ward angesetzt, und die prächtigsten Zurüstungen wurden gemacht. Freilich musste der junge Mann, dessen Vater der reichste, angesehenste Mann weit und breit war, manche Stichelreden über das Bettelmädchen und besonders über den Holznapf hören; doch er machte sich nichts daraus und freute sich seines großen Glückes. Und als der Hochzeitstag endlich da war und man das neue Haus mit allem versehen hatte, was zu einer schönen, reichen Ausstattung gehört, da sollte endlich auch der Holznapf von dem Kopfe der Braut herunter genommen werden. Aber wer hätte das gedacht? — es war unmöglich; der Napf ließ sich nicht entfernen, nicht rücken und schien dem Mädchen auf dem Kopfe festgewachsen zu sein, denn als man ihn gewaltsam entfernen wollte, da sing es vor Schmerz laut zu wehklagen an. Doch auch über dies Ereignis tröstete sich der Bräutigam und beruhigte das Mädchen. Auch mit dem Holznapfe sollte die Hochzeit gefeiert werden.

Als man nun fröhlich beisammen saß und der Wein gebracht wurde, den die Brautleute zusammen trinken müssen, wenn Hochzeit gefeiert wird: was geschah da? Gerade als sie die Weinschale geleert hatten, barst der Holznapf mit lautem Schalle auseinander und fiel in Stücken zu Boden. Und als man diese Stücke genau betrachtete, da erblickte man viele seltene Edelsteine und andere Kostbarkeiten, die unter denselben verborgen waren, und das war der Brautschatz des guten, tugendhaften Mädchens. Aber mehr als über diese Kostbarkeiten erstaunten die Hochzeitsgäste über die große Schönheit der Hatschibime, und nun wurde mit verdoppelter Lust gejubelt, geschmaust, getanzt und gesungen, die ganze fröhliche Nacht hindurch, und das junge Ehepaar lebte glücklich bis an ihr letztes Ziel, umgeben von Kindern, welche sämtlich die Tugenden und die Schönheit ihrer Mutter geerbt haben.

 

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Ja und nicht nur Liebesglück als Ziel ist universal, sondern auch dessen supermoralische Verkleidung. 😀

 

Textquelle: Japanische Märchen und Sagen. Von David Brauns, Professor an der Universität Halle. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, kgl. Hofbuchhändler 1885, S. 74-78.

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