7.2 Die Warze und die Kobolde

Auch heute ein klassisches Muster internationaler Zaubermärchen im japanischen Gewand. Aber lest selbst…

Die Warze und die Kobolde

Einst lebte in einem Dorfe ein herzensguter, fröhlicher Mann, der sich mühevoll seinen Lebensunterhalt verdiente, dabei aber immer lustig und guter Dinge war. Auf der rechten Wange hatte er eine große, hässliche Warze, die ihn sehr verunzierte, doch machte er sich nicht viel daraus, und wenn ihn die Leute dann und wann wohl darüber neckten, so sing er mit ihnen zu lachen an und kränkte sich nicht darüber.

Sein Nachbar indessen, der merkwürdiger Weise dieselbe Verunstaltung auf der linken Wange hatte, war anderer Natur, er war zänkisch, und Niemand hätte wagen dürfen, in seiner Gegenwart auf die hässliche Warze anzuspielen. Deshalb hatte dieser Nachbar auch wenig Freunde, während der andere freundliche Mann von allen im Dorfe geliebt wurde.

Eines Tages nun nahm dieser, wie er dies öfter tat, seine Axt und ging in den Wald, um Holz zu fällen, das er verkaufen wollte. Er wanderte tief in den Wald hinein, und als er den hohen Taikoberg bestieg, da fing es so gewaltig zu regnen an und der Sturm heulte so sehr, dass er nicht weiter kommen konnte und unter den breiten Ästen der dicken Bäume Schutz suchte. Stundenlang hoffte er, das Unwetter werde nachlassen, und er könne dann den Heimweg antreten; doch sein Hoffen war vergebens, es regnete und stürmte fort und fort, und so musste er sich entschließen, die Nacht im Walde zu bleiben. Denn die Sonne ging bereits unter, und es begann rings umher zu dunkeln. Als er sich nach einem Plätzchen umschaute, das ihn einigermaßen vor Regen und Sturm schützen konnte, denn weit und breit war keine Hütte zu sehen, da gewahrte er ganz in der Nähe einen hohlen Baum. Geschwind ging er darauf zu und stieg in die weite Höhlung. Ja, nun war er geborgen; hier konnte er es ganz gut aushalten. Der gute alte Mann lachte vor Freuden, und zufrieden, wie er von Natur war, machte er es sich so bequem in seinem Verstecke, wie er nur konnte.

Schon fielen ihm vor Müdigkeit die Augen zu und der Schlaf stellte sich ein, da hörte er ganz in seiner Nähe das Geräusch von Schritten, und sofort wurde er wieder wach und munter. Vorsichtig lugte er durch eine Spalte des Baumes und sah zu seinem nicht geringen Erstaunen eine ganze Schar sonderbarer Kobolde, welche die merkwürdigsten Sprünge machten und gar wunderlich aussahen. Viele waren über und über von roter Farbe, andere wieder waren schwarz, mit sonderbaren roten Kleidern behängt, manche hatten keinen Mund und wieder andere hatten nur ein Auge. Es waren ihrer wohl über hundert, und der alte Mann war halb tot vor Grauen und Furcht. Indessen hielt er sich mäuschenstill und wartete atemlos der Dinge, die da kommen würden.

Die gespenstischen Wesen hatten auch einen Oberkobold; den sah der arme Mann jetzt ganz deutlich, und das Ungeheuer, das einen großen Schnabel statt der Nase im Gesichte hatte, versammelte die Menge gerade unter dem hohlen Baume, in dem der Alte saß. Hier setzte sich der Oberkobold nieder, schlug die Beine unter und hieß die Andern sich zu beiden Seiten in zwei langen Reihen niedersetzen. Dies geschah denn auch sogleich, und kaum war es geschehen, so fingen die Kobolde zu schmausen an. Sie tranken den Wein wie gebildete Menschen und hielten ein so regelrechtes Gastmahl, dass der Lauscher sich nicht wenig darüber verwunderte.

Doch als die Schale mit Wein immer wieder die Runde gemacht hatte, da schien der Oberkobold trunken zu werden, das konnte man aus seinen Gebärden merken. Den alten Mann, der alles genau beobachtete und allmählich seine Furcht verlor, belustigte dies nicht wenig, aber es sollte noch besser kommen. Einer aus der Gesellschaft trat, nachdem die Mahlzeit beendet war, aus der Reihe hervor, machte mit allem erdenklichen Zeremoniell seine Verbeugungen vor dem Oberkobold und führte dann einen Tanz auf, so spaßhaft und komisch, dass es gar nichts lächerlicheres geben konnte. Und kaum hatte dieser den Anfang gemacht, so fingen sie alle an zu tanzen, schlugen sich über und waren überaus possierlich.

Der alte Mann, den dies über alle Maßen belustigte, konnte sich nun nicht mehr halten; er vergaß ganz und gar, dass er nicht zu der Schar gehörte und sprang mit den tollsten Sprüngen mitten zwischen sie. Die Kobolde umringten ihn sogleich und stürzten von allen Seiten herbei, doch ihn schien dies gar nicht zu kümmern. Er tanzte fort und fort, und als er in die Nähe des Oberkoboldes kam, da führte er den spaßhaften Tanz eines Trunkenboldes auf, zu dem er laut zu singen anfing. Als die Gesellschaft dies sah und hörte, da lachte sie, dass es im Walde wiederhallte, und der Oberkobold sowohl als seine Genossen gaben das größte Entzücken zu erkennen. Als der alte Mann seinen Tanz beendet hatte, sagten sie: „Wie lange schon halten wir in diesem Walde unsere Feste, und noch nie haben wir etwas so spaßhaftes gesehen, wie heute den Tanz dieses fröhlichen Alten! Er muss wiederkommen und an unseren Vergnügungen teilnehmen!“ „Das will ich gern tun,“ sagte der alte Mann eifrig, denn es fing ihm doch wieder an unheimlich zu werden, „und das nächste Mal will ich es viel besser machen; heute habt ihr von meinen Künsten nur eine schwache Probe gesehen!“ „Ach, wenn er heute uns verspricht, wiederzukommen,“ schrien die Kobolde, „so wird er doch sein Wort nicht halten, das wissen wir vorher.“ „So soll er ein Pfand hier lassen,“ sprach der Oberkobold‘ „geschwind, nehmt ihm die schöne Warze aus dem Gesicht!“ „Nein, nicht die Warze,“ rief der alte Mann, „alles andere, nur die nicht! Ich habe die Warze nun schon so lange Jahre, von der kann ich mich nicht trennen!“ „Nun, dann gerade wollen wir sie behalten, damit wir sicher sind, dass du sie wieder holst,“ sprachen die Kobolde, griffen ihm mit den Händen ins Gesicht, und fort war die Warze. Als der Tag grauete, zogen die Kobolde ab und der alte Mann war ganz allein. Ungläubig befühlte er sein Gesicht — die Warze war und blieb fort.

Freudig eilte er heim und erzählte seiner Frau die wunderbare Begebenheit, und als die Leute ihn sahen, da wünschten sie ihm Glück dazu, dass er die hässliche Warze nicht mehr zu tragen brauchte.

Aber der neidische Nachbar nebenan, der ergrimmte bei der Nachricht und war nun doppelt ärgerlich über sein Gebrechen. Er ging zu dem glücklichen Alten, der die Warze verloren hatte, und ließ sich haarklein den ganzen Hergang erzählen, und als er sich alles genau gemerkt, da machte er sich auf und ging in den Wald, Bevor der Abend kam, fand er auch die beschriebene Stelle und versteckte sich in den hohlen Baum. Und gerade so wie es der alte Mann erzählt, kam es auch diesmal. Die Kobolde zogen herbei, lagerten sich, schmausten und tranken, und als der Tanz begann, da riefen sie: „Wo ist der spaßige alte Mann? Kommt er noch nicht?“ „Hier ist er,“ sprach zitternd vor Furcht der neidische Nachbar, und als die Kobolde vor Freude schrien, da fing er auch wirklich zu tanzen an, obgleich er gar nicht tanzen konnte. Und als er seine unbeholfenen Sprünge machte, da sprach der Oberkobold: „Du tanzest heute viel schlechter, als das vorige Mal: höre damit auf, ich kann es nicht mehr ansehen! Gebt ihm sein Pfand wieder,“ befahl er den anderen Kobolden, „und lasst ihn fortgehen!“

Die Kobolde warfen ihm die Warze ins Gesicht, genau an die Stelle, an der sie sein Nachbar getragen, und sie blieb ihm fest an der rechten Wange haften. Nun hatte er zwei große Warzen, und als er voll Kummer in das Dorf zurückkehrte, da musste er noch den Spott der Menschen ertragen und wünschte von Herzen, dass er nie in de n Wald zu den Kobolden gepilgert wäre. Ja, ja, das konnte er auch bleiben lassen!
 

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Was ich auffällig finde, ist die Subtilität. Ich meine, der zänkische Alte benimmt sich bei den Kobolden ja nicht daneben. Er kann halt schlicht nicht toll tanzen. Und doch erscheint sein Schicksal als moralisch gerechtfertigt, weil er eben so zänkisch ist. Karma? Oder ein schlichter Fall von ‚Shit happens‘? Was meint ihr?
 
Textquelle: Japanische Märchen und Sagen. Von David Brauns, Professor an der Universität Halle. Leipzig: Verlag von Wilhelm Friedrich, kgl. Hofbuchhändler 1885, S. 78-82.
Bildquelle: Scan von der Illustration zu diesem Märchen in Karl Albertis Japanische Märchen (1913)

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