5.6 Der törichte Hans

Ich dachte, eine Pause von Königen, ihren Töchtern, ihren klugen und/oder schönen Werbern und zaubernden alten Herren könnte nochmal nichts schaden. Heißt aber in diesem Fall auch, dass es kein Happy End im klassischen Sinne gibt, denn Hans ist echt verdammt töricht. Aber lest selbst…

Der törichte Hans

Eine Frau hatte endlich erlangt, was sie lange vergeblich sich gewünscht, einen Mann; aber das war ein Mann, um den sie keine andere Frau beneiden durfte. In der Wirtschaft im Hause war er zu gar nichts zu gebrauchen, denn Alles stellte er verkehrt und töricht an. Da dachte die Fran, sie wolle ihn wenigstens auf den Markt schicken, um eines und das andere durch ihn einkaufen zu lassen, während sie daheim das Hauswesen besorgte.

Am nächsten Donnerstag schickte sie ihn aus, um eine Stecknadel zu kaufen. Hans — so hieß der Mann — lief auf den Markt und fragte jeden, der ihm begegnete, ob er ihm nicht eine Nadel verkaufen wolle und zeigte dabei seinen Groschen. Endlich verkaufte ihm ein verschmitzter Armenier eine große und schlechte Nadel, die nicht einen Kreuzer wert war, um den Groschen. Hans war sehr froh, nahm sie zwischen beide Hände und rieb diese immer fort und lief heimwärts. Es war aber sehr kalt und ihn fror an die Finger. Da kam ihm ein gescheiter Gedanke ein.

Vor ihm fuhr ein Wagen mit Stroh zum Schweineabsengen; auf diesen warf er seine Nadel und lief hinterher. Als der Wagen an seiner Wohnung angelangt war, rief er dem Fuhrmann zu: „Ho! ho!“ (im Regner Dialekt heißt hü auch Heu). Der Fuhrmann blickte zurück und als er den törichten Hans sah, sprach er: „Ei warum nicht gar, Stroh, Stroh!“ Und fuhr weiter. „O weh meine Nadel, meine Nadel, halte doch still!“ Nun erzählte Haus, wie er die Nadel ihm auf das Stroh geladen; der Fuhrmann war aber nicht dazu aufgelegt, sein Stroh herabzuwerfen und die Nadel zu suchen und fuhr lachend von dannen und Hans lief weinend hin und klagte das Unglück seiner Frau. „O du törichter Mensch!“ rief sie, „wenn man so etwas kauft, steckt mans hübsch auf den Hut.“ „Nu warte, jetzt weiß ich’s, ich will es das nächstemal gewiss so machen!“

Am folgenden Donnerstag ging er auf den Markt und kaufte zwei Eisenschienen zum Radbeschlagen, steckte sie mit großer Mühe auf seinen Hut und band sie mit einem Seil fest. Dann setzte er den Hut auf und ging. Aber die schweren Stangen zogen ihm den Kopf bald nasen-, bald nackenwärts, bald rechts, bald links und er taumelte fort, wie ein Betrunkener und musste mit beiden Händen den Hut am Kopfe festhalten. Die Leute, die zum Markte gingen und vom Markte kamen, standen still und lachten und die Kinder, die aus der Schule heimkehrten, liefen dem Hans nach und verlachten und verspotteten ihn. Dem war der Nacken aber zuletzt krumm und steif geworden und er konnte es kaum länger aushalten.

Als er endlich daheim anlangte und ins Zimmer trat, seufzte er: „Nu Frau, du hast mich schön gelehrt! da hat man’s!“ „O du törichter Mensch; wenn man so etwas kauft, so bindet man’s an ein Seil und zieht es hinter sich nach!“ „Nu warte, jetzt weiß ich’s; das nächstemal will ich’s so machen!“

Am folgenden Donnerstag schickte ihn seine Frau wieder auf den Markt, er solle einen Bachen (zwei ungetrennte Speckseiten) kaufen. Das tat er auch und band an das Kopfstück („den Zanyderleng“) ein langes Seil und zog den Bachen hinter sich her. Das machte aber Staub und Geräusch und die Hunde liefen hinterher und zerrten sich Stücke herunter und als Hans zu Hause anlangte, war nur das Kopfstück noch am Seil. Die Leute und Schulkinder hatten aber wieder etwas zum Lachen gehabt.

Als er zu seiner Frau kam, sprach er: „Nu du hast mich wieder schön gelehrt! Die Hunde haben mir fast alles gefressen.“ „O du törichter Mensch, wenn man so etwas kauft, bindet man einen Strang vorn und hängt es sich auf den Rücken!“ „Nu warte, jetzt weiß ich’s; das nächstemal will ich’s so machen.“

Am folgenden Donnerstag wurde er wieder auf den Markt geschickt; er kaufte jetzt ein kleines Kalb, band ihm den Strang um den Hals und nahm es auf den Rücken; dieses aber reckte bald die Zunge heraus und war tot. „Du armes Kalb, du bist hungrig!“ dachte Hans in seinem Herzen, denn er war zu seinem Zeichen sonst sehr mitleidig, „warte nur, du sollst zu Hause gleich fressen!“

Als er nach Hause ankam, war er froh und sprach: „Nu Frau, jetzt wirst du nichts zu tadeln finden!“ „O du törichter Mensch!“ rief sie, „Du hast ja das arme Kalb erwürgt! Wenn man so etwas kauft, bindet man ein Seil an den Hals und führt es schön neben sich her und streichelt es sanft und bindet es daheim in den Stall an die Krippe und legt ihm Gras und Grummet vor!“ „Jetzt weiß ich’s genau, warte nur, ich will es zum nächstemal so machen!“

Anm nächsten Donnerstag ging er wieder auf den Markt und kaufte einen Windhund; dem band er denn ein Seil um den Hals, führte ihn schön nach Hause, band ihn in den Stall an die Krippe und legte ihm Gras und Grummet vor. Als aber seine Frau dazu kam, schlug sie die Hände über einander und rief: „O du törichter Mensch, was hast du gekauft? Das ist ja ein Jagdhund, wer mit dem geht, ruft: „Haihai! haihai!“ Dann läuft der Hund und fängt den Hasen. Aber der gehört nicht in den Stall, sondern in die Stube und der frisst nichts von Gras und Grummet, sondern Brotkrumen und Knochen!“ Damit schnitt sie den Hund frei und brachte ihn in ihr Zimmer und gab ihm zu fressen. Weil er aber so dünn und schmal war, nannte sie ihn Petersilie.

Von jetzt an wollte sie aber ihren Mann nicht mehr zum Einkaufen schicken; denn er hatte ja die Sache immer verkehrt gemacht und ihrem Hauswesen großen Schaden zugefügt. Am nächsten Donnerstag ging sie denn wieder selbst auf den Markt, wie sie es anfangs getan hatte. Ihrem Mann aber sagte sie: „Sorge du auf das Kind in der Wiege, dass es ruhig schläft und lege in den Topf beim Feuer Petersilie.“ „Ich weiß es jetzt, ich will es schon gut machen!“ sprach Hans. Kaum war seine Frau fort, so ließ er die Wiege stehen, ging hinaus, nahm die Axt und zerhieb den Hund auf kleine Stücke und legte davon in den Topf. Als er aber ins Zimmer trat, schrie das Kind und war unruhig. Da fing er an die Wiege zu schwingen, allein es schrie noch ärger, denn es war hungrig. Da merkte Hans, dass dem Kinde der Scheitel zuckte. Das waren aber die Weichen, die bei der Aufregung des Kindes erzitterten. Hans aber dachte, das sei eine bösartige Blase, nahm eine große Nadel, stach sie durch und das Kind zuckte nur einige Mal und war tot; Hans war froh und dachte es schlafe.

Als seine Frau nach Hause kam, erzählte er ihr, dass er den Petersilie nicht ganz in den Topf habe stecken können und zeigte ihr noch einige Stücke vom Windhund, ferner wie das Kind nur einmal laut geschrien und wie er es endlich zum Schweigen gebracht, dass es dann immer wie jetzt geschlafen habe. Als die Frau ihr Kind in der Wiege erblickte, so entsetzte sie sich, denn sie sah, dass es tot war. „Wehe, wehe!“ rief sie, „Du törichter Mensch, was hast du getan?“ Sie rang in ihrem Schmerze die Hände und konnte sich lange nicht fassen und trösten; endlich sprach sie zu ihrem Manne: „Gehe hinaus und siehe nach Brettern, dass wir einen Sarg machen lassen!“

Hans lief fort und sah überall nach Brettern hin und fand keine; zuletzt kam er an eine Blankenumfriedung. Da steckte er seinen Kopf in eine große Öffnung zwischen zwei Brettern, um die obern Bretter herauszuheben. Allein wie diese bewegt wurden, fielen sie bei ihrer Schwere ihm in den Nacken und zwängten ihn ein und er konnte den Kopf gar nicht herausziehen und war daran zu erwürgen. Da sahen ihn einige Knaben, die meldeten es seiner Frau und diese kam mit Hilfe herbei und zog ihn heraus. „O du törichter Mensch, gehe nach Hause, ich will schon Bretter schaffen!“ Da bestellte sie den Sarg und ordnete das Leichenbegängnis an.

Weil sie aber fürchtete, dass ihr Mann durch seine Torheit die ernste Leichenfeier stören könnte, so versteckte sie ihm seinen Hut, damit er gezwungen sei, daheim zu bleiben. Kaum war aber der Leichenzug vom Hause fort, so nahm Hans, als er seinen Hut lange vergebens gesucht, statt des Hutes ein langes hutähnliches Buttergefäß, setzte es auf, sperrte die Türe zu und lief hinterher. Als die Leute in solchem Aufzug ihn sahen, konnten sie sich des Lachens nicht erwehren. Hans aber lief zu seiner Frau und rief ganz fröhlich: „Ich komme doch mit, siehst du es, du wolltest gut, ich sollte nichts sehen und zu Hause bleiben!“ „Hans kehre schnell um, das Haus brennt!“ rief seine Frau und wollte ihn auf so feine Art heimschicken. Er aber rief: „O du närrisches Weib, das kann ja nicht sein, ich habe ja den Schlüssel in meiner Tasche!“ Jetzt war der Frau der lange Geduldsfaden gerade ausgegangen und riss kurz ab: „Gehe mir aus den Augen, du törichter Mann, dass ich dich nimmer sehe!“

Hans ließ sich das nicht zweimal sagen und lief fort. Als aber die Frau ihr Kind begraben hatte und nun einsam in ihre Wohnung zurückkehrte, sprach sie: „Es ist besser, sich einen Mühlstein an den Hals zu hängen und ins Wasser zu springen, als so einen Toren zum Manne zu haben. Wehe der Frau, über welche unser Herrgott eine solche Strafe verhängt!“

Der törichte Mann aber lief in die Welt mit dem Butterfässchen auf dem Kopfe, damit ihn seine Frau nicht sehe und läuft noch immer fort, wenn er nicht bei den klugen Männern, die stets Licht und Luft in Säcken zusammentragen, um Glasscheiben an ihre Fenster daraus zu machen, in Dummhannesdorf angelangt ist und sich da sesshaft niedergelassen hat.

 

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Schlimm töricht, was? Weia. Ja, Märchen kennen da unter Umständen kein Pardon. Da gibts vom armen kleinen Kalb über den armen Petersilie direkt zum kleinen Kindchen. Hui, ui, ui. Und die Moral von der Geschicht‘? Augen auf bei der Männersuche und Dummhannesdorf großzügig umfahren… auch wenn ich jetzt doch neugierig auf deren Fensterscheiben bin. ;D

 
Textquelle: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen gesammelt von Joseph Haltrich, Professor am evangelischen Gymnasium zu Schätzburg. Berlin: Verlag von Julius Springer 1856, S. 301-306.

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