5.5 Der Erbsenfinder

Wieder eines der Märchen, wo mich der Titel so neugierig gemacht hat, dass ich es gleich lesen musste. Und belohnt wurde ich mit einer Parabel auf die menschliche Gesellschaft. Aber lest erstmal selbst…

Der Erbsenfinder

Es war einmal ein Junge, der fand eine Erbse und war über alle Maßen froh. „Was für ein glücklicher Mensch bist du doch!“ sprach er bei sich selbst, „nun wirst du keine Not leiden. Denn jetzt säest du die Erbse, über ein Jahr bekommst du davon ein Maß, über zwei Jahre einen Kübel*, über drei Jahre hundert Kübel, über vier Jahre tausend Kübel und so immer mehr!“ Aber da fiel ihm noch gerade zur rechten Zeit ein, dass er nichts habe, wohin er sie schütten solle. „Du willst gleich zum König gehen,“ sprach er bei sich, „und tausend Säcke zu leihen nehmen.“ Wie er nun hinging und den König darum bat, fragte dieser: „Wozu brauchst du denn so viele Säcke?“ „Für meine Erbsen!“ sprach der Junge. „Ja, ich habe nicht so viel,“ sagte der König, „aber bleibe nur hier bis morgen!“

Der König aber hatte eine schöne Tochter, die wollte er gerne einem reichen Jünglinge zum Weibe geben. „Der wäre mir grade recht!“ dachte der König bei sich, „denn wenn er so viele Erbsen hat, was muss er erst anders haben!“ Er ließ ihm jedoch die Nacht nur ein Strohlager machen, um ihn zu prüfen, ob er wirklich reich sei; rausche das Stroh nämlich und könne er nicht darauf liegen, so sei das ein rechtes Zeichen, dass er nicht arm sei. Da mussten nun einige Mägde an der Türe „laustern“.**

Kaum hatte sich der Junge niedergelegt. so verlor er seine Erbse im Stroh. Da ward er voller Sorge und fing gleich an zu suchen und das Stroh aus einander zu werfen, also dass es laut rauschte. Nun liefen die Mägde gleich zum Könige und brachten ihm die erwünschte Botschaft. Der war sehr froh und am frühen Morgen kam er gleich zum Jungen und sagte, wenn er nichts dawider hätte, so wolle er ihm seine Tochter zur Frau geben, denn er sehe ja wohl, dass er ein sehr reicher Herr sei. „Dagegen habe ich ganz und gar nichts!“ sprach der Junge. „Eine Königstochter,“ dachte er bei sich, „und zumal wenn sie so schön ist, bietet man einem nicht alle Tage an.“ Und so feierte er noch an demselben Tage mit ihr die Hochzeit und war ganz vergnügt und glücklich.

Am folgenden Morgen ließ aber der König anspannen und sprach: „Wohlan, ich möchte so gerne dein Schloss sehen, ziehen wir gleich hin!“ Da musste sich der Junge mit seiner Frau, der Königstochter und dem alten König in den Wagen setzen und Zeigen, wowärts man fahren solle. Er zeigte ja nach einer Richtung, ohne dass er selbst recht wusste, wohin es gehe; es war ihm aber nicht recht und er hatte keine Ruhe. Als sie in einen Wald kamen, stieg er vom Wagen, als wolle er nur so auf die Seite, allein er wollte entlaufen und war nur voll Angst, dass ihn der König suchen und finden werde.

Nur einmal stand der Teufel vor ihm und fragte ihn, warum er denn so ein Narr sei und die Königstochter im Stiche ließe? „Ja,“ sprach er, „wie sollt’ ich das nicht; der König, ihr Vater, will zu meinem Schlosse fahren und ich habe doch keines!“ Da sagte der Teufel: „Ein Schloss sollst du haben und Alles dazu und neun Schweine im Stall, doch unter einer Bedingung: nach sieben Jahren sollst du mir neun Fragen passend beantworten und bleibst du mir auch nur eine schuldig, so sollst du mir gehören.“ Der Junge bedachte sich nicht lange und willigte ein. Der Teufel führte ihn sofort auf eine lichte Stelle im Wald und zeigte ihm in der Ferne ein Schloss und sprach: „Ziehe nur dahin, das ist dein!“

Der Junge lief jetzt schnell wieder zum Wagen; der König und seine Tochter waren schon ungeduldig geworden, daß er so lange ausgewesen. Er ließ schnell weiter treiben und bald waren sie im Schloss. Das gefiel dem alten König sehr, denn es war Alles da, was man sich nur wünschen konnte. Nach einigen Tagen zog er heim und ließ das junge Paar für sich und die lebten jetzt froh und vergnügt.

So verging ein Jahr nach dem andern bis die sieben Jahre bald um waren. Da wurde es dem Jungen angst und er dachte mit Grauen an die neun Fragen. Als er so einmal in traurigen Gedanken auf dem Felde herumging und nachdachte, kam ein alter Mann zu ihm und fragte ihn, was ihm denn fehle? Er erzählte ihm von seiner Not. Da sagte der alte Mann: „Kümmere dich nicht, ich werde dir in jenem Augenblick gute Gedanken eingeben, dass du keine Antwort schuldig bleibst!“

Kaum war die Zeit da; so stellte sich auch der Teufel ein und fing an zu fragen:

„Was ist eins und ist viel wert?“

Da sprach der Junge: „Ein guter Brunnen auf dem Hof ist einem Wirten viel wert!“

Der Teufel war mit der Antwort zufrieden und fragte weiter:

„Was ist zwei und lässt sich schwer entbehren?“

„Wer zwei gesunde Augen hat, dem steht die Welt und der Himmel offen, wer sie verliert, dem werden beide verschlossen!“

Der Teufel ärgerte sich, dass auch diese Antwort passend war und fragte fort:

„Was ist drei und lässt sich gut brauchen?“

„Wenn Jemand eine gute dreihörnige Gabel hat; so kann er gut essen und Heu machen!“

Auch diese Antwort passte; der Teufel kochte vor Zorn und fragte weiter:

„Was ist vier und ist sehr nützlich?“

„Wer vier starke Räder am Wagen und vier gute Pferde hat, kann weit fahren!“

„Was ist fünf und ist ein nützlich Ding?“ fragte der Teufel hastig fort.

„Wer fünf starke Ochsen hat, kann eine große Last aufladen, denn wenn der vierte fällt, spannt er den fünften ein!“

„Was ist sechs und kann schon glücklich machen? nur schnell, antworte!“

„Wer sechs Joch*** Acker besitzt, der hat ein gutes Einkommen und braucht nicht betteln zu gehen!“

„Was ist sieben und ist was Gutes?“

„Wer sieben tüchtige Söhne hat, kann alle Arbeit im Jahre wohlbestellen und sich freuen!“

„Was ist acht und macht was rechtes aus?“

„Acht Mädchen geben eine rechte Gesellschaft!“

Der Teufel war wütend, dass der Junge ihm alle Fragen so schnell und treffend beantwortet hatte.

„Nu warte!“ rief er, „du bist dennoch mein eigen, wenn du die neunte Frage mir schuldig bleibst.“

„Was ist neun und ist was Gutes?“

„Die neun Schweine im Stall sind was Gutes — nicht wahr? und die sind jetzt auch mein!“ Der Teufel zog fluchend ab und der Junge hatte so ein Schloss und neun Schweine sich verschafft und lebte nun mit der schönen Königstochter bis an sein Ende im Frieden.

Aus dieser Geschichte aber kann sich Jedermann ein Beispiel nehmen. Wer eine Erbse findet, soll sie nicht gering achten, denn wie leicht ist es möglich, dass er sich damit auch eine schöne Königstochter, ein Schloss und neun Schweine er, wirbt!

 

* Maaß und Kübel sind alte Gewichts- bzw. Volumeneinheiten für Getreide. Dabei entsprach 1 Maaß knappen 1,5 Liter und ein Kübel wiederum gut 92 Litern, das heißt etwa 64 Maaß passten in einem Kübel und damit ist also klar – statt Dezimalsystem geht das noch nach Dutzend. Wie auch immer dazu das System heißt.
** Laustern ist natürlich lauschen. Wobei spannend ist, dass Hr. Haltrich das schon seinerseits in Anführungsstriche gepackt hat, also davon ausging, dass es für seine Leser bereits Mitte des 19. Jahrhunderts nicht mehr gängig war.
*** Ein olles Flächenmaß. Laut Wiki sowas zwischen 2500 und 6000 Quadratmeter, also regional extrem unterschiedlich. Grundsätzlich aber galt als ein Joch die Fläche, die von einem Ochsengespann an einem Tag beackert werden konnte.

*******

Ich muss sagen, die Siebenbürger Sachsen mit ihren witzigen Märchen voll Schalk sind mir sehr sympatisch. Wobei ich gestehen muss, dass ich ja nicht weiß, wie cool ich die Moral finde… Ich glaube, der Junge erinnert mich zu sehr an die (meist echt männlichen) Menschen, die es schaffen mit großer Klappe und nicht viel dahinter – eben einer einzigen Erbse statt eines Klnigsreichs – nach oben zu stolpern. Ist bei dir dann so eine Mischung aus Neid, weil ich das mit der großen Klappe (egal mit wieviel dahinter) nie hinkriegen werde, und Unfreude, weil das irgendwie gegen mein moralisches Empfinden geht, wie das mit dem Vorankommen funktionieren sollte. Also gerne mit etwas dahinter. Was meint ihr?

 
Textquelle: Deutsche Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen gesammelt von Joseph Haltrich, Professor am evangelischen Gymnasium zu Schätzburg. Berlin: Verlag von Julius Springer 1856, S. 183-187.
Bildquelle: weiße Erbsenblüte

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2 Gedanken zu „5.5 Der Erbsenfinder

  1. bilderladen

    Das Märchen gefällt mir gut. Als Mensch mit „großer Klappe“ würde ich den Jungen eher nicht bezeichnen, eher so: Er hat Glück (findet die Erbse, eine Ehefrau und dann auch noch ein Schloss), er hat Visionen und sieht das Potential, das in seinem Fund steckt. Interessant finde ich, dass der Junge zum König rennt, damit dieser ihm „helfe“, sein Problem der fehlenden Behälter zu lösen.
    Anders die Rolle des Königs. Ihm geht es nicht vordergründig um das Wohlergehen seiner Tochter, sondern mehr darum, einen Ehemann für diese zu finden – ob sie damit glücklich wird, interessiert nicht; sie wird auch gar nicht gefragt.
    Dass der Junge die Chance ergreift ist verständlich – eng wirds dann, als er quasi den Beweis seines „Reichtums“ antreten muss. Aber auch da ist das Glück auf seiner Seite.
    Moral von der Geschicht: Wer wagt – und ein wenig Glück hat – gewinnt! ?

    Antwort
    1. berlinickerin Autor

      Erstmal freut es mich natürlich, dass dir das Märchen gefällt. Und für mich gehört die große Klappe zum Wagen udn ist auch gar nicht negativ gemeint, sondern eher so: Den vielleicht ja auch leicht naiven(?) Mut zu haben, es einfach durchzuziehen. Und er beweist sich ja durchaus.

      Dass er sich an den König wendet und ja mit absoluter Selbstverständlichkeit fand ich auch spannend. Aber tatsächlich kommt es ja durchaus dem gesellschaftlichem Abkommen nahe, wo der Landesvater eben auch Verantwortung hatte. Wenn vielleicht auch nicht so direkt. Hihi.

      Und nee, die Königstochter wird tatsächlich kein Stück gefragt. Es wäre interessant zu wissen, ob es eine andere Variante dieses Märchens gibt, wo die vielleicht – so wie im König Drosselbart etc. – etwas Demut lernen soll?

      Antwort

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