4.7 Der allwissende Zigeuner

Heute zum Abschluss der Woche mit Märchen der Sinti und Roma, na, vor allem Roma, ein wunderschönes, langes Zaubermärchen. Mit allen Schikanen. Aber lest selbst…

Der allwissende Zigeuner

Es war einmal ein junger Zigeuner, der konnte sich in seiner Heimat nicht mehr ernähren und beschloß in die Welt zu ziehen. Er nahm Abschied von seinen Nachbarn und machte sich auf den Weg. Gegen Abend gelangte er in einen Wald und legte sich ermüdet unter einen Baum; während er da lag und überlegte, wohin er eigentlich gehen und was er anfangen solle, um sein Brot redlich zu verdienen, da hörte er plötzlich eine Stimme über sich erschallen, die ihm zurief: „Komm‘ her zu mir!“ Er blickte um sich und gewahrte über sich einen kleinen Vogel. Rasch kletterte er auf den Baum hinauf und fing den Vogel. Als er vom Baume herabgestiegen war, sagte der Vogel: „Lieber Mann, sei so gut und schlachte mich ab, meinen Körper vergrabe hier unter diesem Baum, das Herz aber esse, denn Du wirst dann alles wissen, was jemand gegen Dich vorhat.“ Der Zigeuner schlachtete den Vogel ab; aß sein Herz auf und grub ein Loch unter dem Baum, in welches er den Körper des Vogels legen wollte. Als er mit der Grube fertig war, fand er in derselben einen Zettel, auf welchem geschrieben stand: „Wenn Du glücklich werden willst, so komme nach einem Jahre wieder.“ Er begrub nun den Körper und begab sich selbst zur Ruhe.

Am nächsten Tage wanderte er weiter und kam in eine Stadt. Er wunderte sich gar sehr, als er alle Leute, die ihm begegneten, still vor sich hinweinen sah. Da er nur gut gekleideten Herren und Damen begegnete, hatte er nicht den Mut sie anzusprechen und sie nach der Ursache ihres Leids zu fragen. Nach langem Herumwandern in der Stadt begegnete er einem alten Herrn, der gleichfalls still vor sich hinweinte und als er den Zigeuner bemerkte, der keine Thränen vergoß, dachte er sich: „Wie glücklich ist dieser Zigeuner! er allein weint nicht!“ Dies wußte der Zigeuner sofort, denn das Vogelherz blieb ihm stets unversehrt im Magen, — und er fragte den alten Herrn: „Gnädiger Herr, sagt mir doch, warum alle Leute in dieser Stadt weinen?“ Der alte Herr erwiderte: „Ein großes Leid haben die Bewohner dieser Stadt. Ein mächtiger Drache wollte vor neun Jahren unsere Stadt zerstören und alle Bewohner tödten. Da schlossen wir mit ihm einen Kontrakt und versprachen ihm jährlich eine achtzehnjährige Jungfrau zu geben. Gestern haben wir ihm die Tochter unseres Königs ausliefern müssen, die er in einen Vogel verwandelte und mit ihr fortflog.“ — „Und Ihr könnt den Drachen nicht tödten?“ fragte der Zigeuner. — „Das geht nicht so leicht, mein Sohn!“ erwiderte der alte Herr. „Neunundzwanzig der besten Männer unserer Stadt, haben sich mit dem Drachen gemessen und sie alle wurden von ihm besiegt und getödtet. Es kann ihn nämlich nur der besiegen und tödten, der ein größeres Meisterstück aufzuweisen im Stande ist, der etwas kann, was er nicht nachzuahmen versteht.“

Der Zigeuner hörte ihm aufmerksam zu und sagte nach einer Weile: „Wenn es sich nur darum handelt, so bin ich bereit, Euern Drachen aufzusuchen und ihn zu besiegen.“ Der alte Herr schüttelte ungläubig sein Haupt und sprach: „Ich glaube es nicht! Doch wenn Du es versuchen willst, so führe ich Dich zu unserm gnädigen Herrn König, der soll auch Deine Absicht hören.“ Sie gingen nun beide zum König, der weinend in seiner Stube saß und als er das Vorhaben des Zigeuners vernahm, sagte er: „Neunundzwanzig meiner besten Männer sind im Kampfe vom Drachen übertroffen worden und Du willst Dich mit ihm messen? Doch wenn Du fest entschlossen bist, Dich mit dem Drachen zu messen, so will ich Dich mit allem versehen, was Du zur Reise brauchst.“ Und er ließ dem Zigeuner prachtvolle Kleider, Geld, ein Pferd, eine Flinte und einen Säbel geben: doch der Zigeuner wies die Flinte und den Säbel zurück und sagte: „Die nützen mir wenig!“ Er zog die schönen Kleider an, steckte das Geld in den Sack, setzte sich aufs Pferd und jagte in der Richtung fort, wo der Drache seine Wohnung hatte.

Am elften Tage erreichte der Zigeuner zeitig in der Frühe die eiserne Burg des Drachen, der gerade im Fenster lag und ihn bemerkte. „Was suchst Du hier, Du Wurm?“ brüllte der Drache mit so furchtbarer Stimme, daß der Zigeuner sammt dem Pferde zu Boden stürzte. Als er sich mit schwerer Mühe von der Erde erhob, sagte er zum Drachen: „Ein anderesmal benehmt Euch höflicher Euren Gästen gegenüber, denn sonst könnt‘ es Euch gar schlecht ergehen. Nun, wenn Ihr es wissen wollt, warum ich hergekommen bin, so will ich es Euch mitteilen, denn ich sehe, daß Ihr in der That stark und mächtig seid. Ich bin der stärkste und klügste Mann auf Gottes weiter Erde und will mich mit Euch messen.“ — „So!“ erwiderte der Drache, „Du willst Dich mit mir messen? Nun so zeige denn Deine Kraft und brülle denn auch so stark, daß ich zu Boden stürze!“ — „Das thue ich nicht!“ sagte der Zigeuner, „ich will nicht, daß Euer Haus, das mir sehr gefällt, zusammenstürze und Euch erschlage. Und dann bemühe ich mich nicht, ohne Aussicht auf Lohn.“ — „Warte nur Knirps!“ schrie der Drache, „gleich komme ich zu Dir hinab, und dann werden wir ja sehen, welcher von uns beiden mehr kann.“ Und er kam hinaus zum Zigeuner ins Freie, dem das Herz laut im Busen pochte, als er den fürchterlichen Drachen vor sich sah. „Nun gut!“ sagte der Drache, „wenn Du Dich mit mir messen willst, so komm mit mir und ich will Dir gleich meine besten Stücke zeigen, damit wir keine Zeit verlieren. Wenn Du mehr kannst, als ich, so verliere ich alle meine Kraft und werde so schwach, daß Du mich leicht tödten kannst.“

Darauf gingen sie hinauf ins Gebirge, wo der Drache hundert Zentner schwere Steine in die Luft warf, so hoch, daß man sie kaum sehen konnte und sie dann wieder auffing, gleich als wären sie kleine Spielballen. „Das ist ja schön!“ sagte nach einer Weile der Zigeuner, „wenn diese Felsblöcke aus Gold wären, so würde ich sie ja auch hinaufschleudern, aber mit so einfachen, schmutzigen Steinen spiele ich nicht.“ — „Heute zeige ich Dir meine besten Stücke, denn morgen kannst Du mir zeigen, was Du kannst,“ sagte der Drache und führte den Zigeuner an das Ufer eines Sees, der so groß war, daß kein menschliches Auge sein Ende erreichen konnte. „Nun paß‘ auf,“ sagte der Drachen und legte sich flach auf die Erde, neigte sich über das Wasser und trank den ganzen, großen See aus, so daß die Fische im Trockenen zappelten. Hierauf spie er das Wasser in den See zurück und sprach: „Jetzt gehen wir weiter!“ Und er führte den Zigeuner auf eine endlos lange Wiese, dort streute er Stechapfelsamen aus und spie dreimal auf die Erde. Da wuchs aus jedem Stechapfelsamen ein eiserner Mann hervor. Es wurden so viele eiserne Männer auf der Wiese, daß man keinen Grashalm sehen konnte. Sie stürmten Alle auf den Drachen los, der einem jeden einen Schlag auf den Kopf versetzte, daß er spurlos in die Erde sank. Darauf sagte der Drache zum Zigeuner: „Nun, wie gefallen Dir meine Stücke?“ Der Zigeuner antwortete: „Den See auszutrinken ist noch kein Kunststück. Ich trank einmal als kleines Kind einen zweimal so großen See, der mit Wein gefüllt war, aus und war trotzdem nicht betrunken. Und dann die eisernen Männer! Mein Gott! das ist ja noch gar nichts. Ich habe voriges Jahr, als ich im Mond bei meinem Vetter auf Besuch war, in einer Stunde dreitausend Drachenkönige aufgefressen.“

Da erschrak der Drache und dachte sich, daß es doch besser sei, den Kampf mit diesem Manne nicht zu wagen und ihn lieber in der Nacht, während er schläft, zu tödten. Dies wußte der Zigeuner gleich und sagte: „Hör‘! ich will Dir gleich ein Kunststück zeigen, welches Du gewiß nicht nachmachen kannst. Soll ich Dir sagen, was Du jetzt gerade über mich gedacht hast?“ — „Nun, was habe ich gedacht?“ fragte der Drache. „Du willst mich heute Nacht im Schlaf tödten.“ Da erschrak der Drache, begann an allen Gliedern zu zittern und sprach: „Ja, es ist wahr, ich habe das gedacht!“ Darauf dachte er sich, daß der Zigeuner ein Teufelskerl sei, der mehr könne, als er. Und nun, sagte der Zigeuner: „Jetzt dachtest Du Dir, daß ich ein Teufelskerl sei, der mehr könne, als Du.“ Da zuckte der Drache wie vom Blitz getroffen zusammen und dachte sich, daß sein Ende nahe sei. Der Zigeuner sprach: „Jetzt dachtest Du, daß Dein Ende nahe sei und Du sollst Dich auch nicht getäuscht haben.“

Darauf nahm er einen Knüttel und erschlug den Drachen, der inzwischen so schwach geworden war, wie ein kleines Kind. Dem getödteten Drachen schnitt er die Klauen ab, steckte sie in den Sack und wollte sich gerade entfernen, als es auf einmal zu donnern und zu blitzen begann und acht schöne Jungfrauen sich dem Zigeuner näherten. Es waren dies die acht Jungfrauen, welche man dem Drachen geopfert hatte. Sie waren alle da; nur die neunte, des Königs eigene Tochter fehlte.

Nachdem sie den Zigeuner geküßt und sich für ihre Rettung bedankt hatten, machten sich alle auf den Heimweg und erreichten auch am elften Tage die Stadt. Da herrschte nun große Freude, und alle Leute lobten und beschenkten den Zigeuner, nur der König blieb traurig und verstimmt, weil seine Tochter ihm fehlte. Doch diese hatte eine gute Urme* noch als Vogel aus der Macht des Drachen gerettet und als nach einem Jahre der Zigeuner zu dem Baume ging, unter welchem er den abgeschlachteten Vogel begraben hatte, fand er unter eben demselben Baume eine wunderschöne Jungfrau, die Tochter des Königs sitzen. Er freute sich sehr darüber und führte sie gleich zu ihrem Vater, den König. Dieser und die ganze Stadt war außer sich vor Freude, nur die Königstochter blieb zu allem gleichgiltig. Sie konnte sich über nichts freuen und nichts konnte sie betrüben. Das that dem König und allen, die sie kannten, gar weh; da fiel es dem Zigeuner ein, daß ja die Königstochter kein Herz besitze, weil er es ja noch immer im Magen habe. Durch ein künstliches Mittel brachte er das Herz wieder aus seinem Magen und ließ die Königstochter es verzehren. Von nun an freute und bekümmerte sie sich so wie alle anderen Menschen; weil aber ihr Herz so lange Zeit im Magen des Zigeuners gelegen war, wurde sie in ihn so verliebt, daß sie ihn bat, sie zu heiraten. Das geschah dann auch und der Zigeuner lebte lange glücklich mit der Königstochter und wenn er nicht gestorben ist, lebt er heute noch.

* gemeint ist eine gute Zauberin

Textquelle: Märchen und Sagen der Transsilvanischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Berlin: Nicolaische Verlags-Buchhandlung 1886, S. 61-65. (Anders übersetzt und dafür neu herausgegeben auch in Märchen und Lieder der Roma, 1999 bei Peter Lang und zwar S. 137-41)
Bildquelle: Zeichnung eines Drachen in Athanasius Kirchers „Mundus Subterraneus“ (1664–1678))

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Hab‘ ich es nicht versprochen. Alles da, mit Drachen und Prinzessinnen. Dafür statt klischeemäßiger Zigeuner-Kristallkugel einfach dreistes Lügen und Riesenschauspieltalent. Fair gewonnen, würde ich mal sagen. Und auch großartig, dass der der Held hier nicht etwa die Prinzessin – oder irgendwas, immerhin hat er die Stadt gerettet! – kriegt für seine Tat. Nee, echt selbstlos also unser Zigeuner. Ganz anders als die Prinzen und Ritter, die sonst so durch die Märchenwelt stiefeln und ja wohl immer nur das eine wollen… 😀

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