4.5 Von dem Manne der in eine Frau und wieder in einen Mann verwandelt wurde

Auch hier hat mich vor allem der Titel neugierig gemacht und so geht es heute weniger um ‚Zigeuner‘-Klischees als vielmehr um Klischees von Geschlecht und so. Aber lest selbst…

Von dem Manne der in eine Frau und wieder
in einen Mann verwandelt wurde

Es war einmal ein junger Zigeuner, den hatten seine Stammgenossen am Ufer eines Flusses zurückgelassen, damit er die Pferde bewache, während sie selbst in die Stadt gingen, um Eisen zu kaufen und Kessel zu flicken.

Am Abend saß nun der junge Zigeuner vor seinem Zelte und spielte auf seiner Flöte. Da stieg aus dem Flusse ein wunderschönes Mädchen hervor, dessen Kleider wie lichtes Silber glänzten und sprach also zum Jüngling: „Spiel’ nur und ich werde tanzen. Ich will dich reichlich belohnen, denn ich bin die Tochter des Mondkönigs.“ Als die Maid genug getanzt hatte, gab sie ihm eine silberne Sichel und sprach: „Mit dieser Sichel kannst du auf einen Streich hunderttausend Menschen tödten! Morgen komme ich um diese Zeit wieder her und dann sollst du mir abermals zum Tanze aufspielen. Dann werde ich dir noch schönere Sachen schenken.“

Am nächsten Tage kehrten die Stammgenossen zu den Zelten zurück, brachen dieselben ab und nachdem sie die Lagerstätte umritten hatten*, zogen sie weiter. Der junge Zigeuner mußte auch mit und als sie endlich sich lagerten, da war es schon Abend geworden und der junge Zigeuner schlich heimlich zurück an den Ort, wo er die Tochter des Mondkönigs treffen sollte. Als er an die Stelle kam, lag das schöne Mädchen todt am Boden, denn ihr Herz war aus Aerger darüber, daß der Zigeuner sein Versprechen nicht gehalten, gesprungen. Der junge Zigeuner dachte, sie schliefe und fing an auf seiner Flöte zu spielen.

Da stieg aus dem Flusse ein anderes Mädchen in silbernem Gewande hervor und sagte: „Was spielst du noch? meine Schwester ist ja gestorben, weil du nicht zur versprochenen Zeit gekommen bist. Ich bin auch eine Tochter des mächtigen Mondkönigs und werde dich nun verfluchen: wenn du ein Mann bist, so sollst du zur Frau werden; wenn du eine Frau bist, so sollst du zum Manne werden!“

Hierauf hob sie ihre todte Schwester vom Boden auf und die beiden Töchter des Mondkönigs verschwanden im Fluß. Der junge Zigeuner dachte eben nach, was ihm die Maid eigentlich gesagt habe, da hörte er hinter sich ein Pferd scharren. Er drehte sich um und sah ein Pferd vor sich stehen, das so schwarz war wie die Nacht. Das Pferd sprach zu ihm: „Mich hat die Tochter des Mondkönigs, die soeben hier gestorben ist, hergebracht, damit ich dir dienen soll. Setze dich auf meinen Rücken und ich werde dich dahin führen, wo dein Glück blüht.“ Der junge Zigeuner setzte sich also auf das schwarze Pferd, das sich nun in die Luft erhob und wie der Blitz davonflog. Bald sahen sie unter sich eine große Stadt und das Pferd ließ sich auf die Erde herab.

Als sie sich der Stadt näherten, da sahen sie eine wunderschöne Maid unter einem Baume sitzen; die weinte gar bitterlich und als sie der junge Zigeuner fragte, was ihr fehle, da erzählte sie ihm, daß sie die Tochter des Königs sei, dem diese Stadt gehöre. Sie sei durch das Loos bestimmt worden, von einem Drachen gefressen zu werden, der in einer Quelle hause und deren Wasser zurückhalte, wenn er nicht jedes Jahr ein Mädchen zu fressen bekäme. Hierauf versprach ihr der junge Zigeuner, daß er sie retten und den Drachen tödten werde. Da kam der Drache hervor und der junge Mann nahm seine silberne Sichel hervor, mit welcher er ihn tödtete.

Drauf ging er mit der Königstochter und seinem Pferde in die Stadt und wurde überall freudig empfangen. Der König gab ihm seine Tochter zur Frau und er lebte nun in Freuden und Glück, aber etwas ging ihm doch ab. Als er seine Frau heiratete, hatte er gar nicht gedacht, daß er eigentlich kein Mann, sondern eine Frau sei und dies verübelte ihm seine Gattin gar sehr. Einmal klagte sie ihr Leid dem alten König und sagte: „Du hast mir einen Gatten gegeben, der gar kein Mann ist!“ Der König aber versetzte: „Schweig’ still, damit es die Leute nicht erfahren, denn sonst lachen sie uns aus. Wir können deinen Mann nicht tödten, denn er ist sehr stark; aber ich werde ihn zum Nebelkönig schicken, damit er die drei goldenen Aepfel holt, welche derselbe bewachen läßt. Ich weiß, daß er von dort nimmermehr zurückkehrt!“

Er sagte also seinem Schwiegersohne, er solle ihm die drei goldenen Aepfel des Nebelkönigs holen. Der junge Zigeuner bestieg sogleich sein Pferd und jagte davon. Als er auf’s freie Feld kam, fragte er sein Pferd: „Weißt du, wo der Nebelkönig wohnt und weißt du auch, wie wir die drei goldenen Aepfel holen können?“ Das Pferd antwortete: „Ich weiß die Wohnung des Nebelkönigs und gleich werde ich hinfliegen. Dort bewacht ein Tier, halb Mensch, halb Hund, die drei goldenen Aepfel, von denen der eine den Menschen, der ihn besitzt, reich macht, der andere ihn glücklich und der dritte ihm stete Gesundheit verleiht. Wenn wir zu dem Hundemensch kommen, so lasse dein Wasser ihm in die Augen fallen; dann wird er eine Zeit lang nicht sehen und du kannst dann die Aepfel abpflücken.“

Das Pferd erhob sich nun in die Luft und bald befanden sie sich über einem hohen Gebirge, wo ein schönes, großes, graues Haus stand. Das war die Wohnung des Nebelkönigs. Vor dem Tore des Hauses war eine Wiese und dort saß der Hundemensch, der drei goldene Aepfel bewachte. Als das Pferd gerade über ihm war, da ließ der junge Zigeuner sein Wasser los, das dem Hundemenschen in die Augen fiel. Während er sich die Augen auswischte, senkte sich das Pferd auf die Erde herab; der junge Zigeuner hob die drei goldenen Aepfel auf, steckte sie in seine Tasche und gleich daraus erhob sich das Pferd in die Lust. Da bemerkte aber auch der Hundemensch, daß man ihm die goldenen Aepfel gestohlen und als er die Fliehenden erblickte, da begann er mit seiner eisernen Zunge so laut zu heulen und zu jammern, daß die Berge zersprangen und endlich rief er dem Zigeuner nach: „Wenn du die Aepsel hast und ein Mann bist, so sollst du zur Frau werden, und wenn du eine Frau bist, so, sollst du ein Mann werden!“

Als der junge Zigeuner mit den drei goldenen Aepfeln nach Hause kam, da freuten sich alle Leute, am meisten aber freute sich am nächsten Tage seine Frau, denn sie sprach lachend zu ihrem Vater: „Liebster Vater, ich weiß nicht wie es gekommen ist, aber mein Mann ist doch ein Mann!“ Von nun an lebten sie Alle in Glück und Freuden und wenn sie noch nicht gestorben sind, so leben sie auch noch heute.

* Heinrich Wlislocki erklärt, dieses Umreiten sei ein fester Ritus, um Schaden abzuwenden.

*******

Offenbar gibt es dieses oder ähnliche transsexuellen Märchen nicht nur in Transsilvanien. Sorry, konnte nicht widerstehen. Aber ernsthaft. Der Heinrich verweist selbst auf ein wohl ähnliches Märchen einer solchen Geschlechtsverwandlung in griechischen Märchen und vermutet, dass die ja recht fließende Verwandlung die Verwandlung des Mondes in seinen Phasen spiegelt. Guliko Sophia Vashalomidze verweist auf ein georgisches Märchen eben dieses Typs, bezieht dies aber auf den Versuch, ein Übertreten klassischer Geschlechterrollen – Mann als Krieger, Frau am Herd – durch eben einen echten Wandel zu erklären.* Frei nach dem Motto: dann passt’s ja wieder.

Hmm ja. Wie wäre es damit, dass es schlicht und ergreifend wirklich um Transsexualität geht? Ich meine, in Kulturen, die nicht von christlicher oder ähnlich rigider ‚Moral‘ bestimmt sind, ist ein Leben im anderen Geschlecht ja nicht unbedingt ein Problem. Wie etwa in Zeiten, bevor mit den Europäer auch die eben christliche Moral Nordamerika eroberte, bei vielen indianischen Völkern. So zeigt dieses Bild von dem berühmten US-amerikanischen ‚Indianermaler‘ George Catlin (1776-1872) einen rituellen Tanz zu Ehren eines ‚Two Spirit‘, gemalt nach Beobachtungen bei einigen Plains-Indianern.

Ehrlich. Märchen sind ja eben oft weniger ‚sauber‘ als sie nach der Aufwäsche durch die Herren und Damen Sammler des 19. Jahrhunderts daherkommen. Beweis? Gleich in diesem Märchen das ‚Wasser‘ und dann schaut doch mal morgen wieder vorbei. – Ja, heute der Märchensammler mit bösem Cliffhanger. ;D

*******

Textquelle: Volksdichtungen der siebenbürgischen und südungarischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Wien: Verlag von Carl Graeser 1890, S. 260-64.
Bildquelle: George Catlins „Dance to the Berdache“)
** Guliko Sophia Vashalomidze: Die Stellung der Frau im alten Georgien. Georgische Geschlechterverhältnisse insbesondere während der Sasanidenzeit. Wiesbaden: Otto Harrassowitz Verlag 2007, S. 250.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s