4.4 Die Erschaffung der blonden Menschen

Jawohl, ihr lest richtig. Heute geht es um nichts Geringeres als die Geburt der Blondinen und – wieso gibt es dazu kein männliches Pendant? Blondinen und Blondiner?

Ich muss gestehen, gelesen habe ich selbst die Sage einfach, weil ich das so schräg fand, aber zu Ende gelesen habe ich sie, weil sie schräg, aber schön ist. Und wer hätte es gedacht – nach Stechäpfeln sind anscheinend auch die Blondinen mit den Roma zu uns gekommen. 😀 Aber lest selbst…

Die Erschaffung der blonden Menschen

Einst hatte sich der Stamm der Kukuya zur Herbstzeit am Rande eines hohen Gebirges gelagert, um dort den Winter zuzubringen. Die schönen Tage des Herbstes brachten sie mit Tanzen und Singen zu und lebten in Freude und Zufriedenheit ihre Tage. An einem Abend sangen und tanzten sie wieder vor ihren Zelten, da wurden sie aber plötzlich von einem gewaltigen Hagel und Schnee überrascht.

Plötzlich stand zu aller Staunen eine junge Frau von ungemeiner Schönheit vor den Zelten. Ihre Haut war weiß, wie der Schnee, ihr Haar glänzte wie das Gold in der Sonne; ihre Augen waren blau, wie der Himmel im Frühling. Die Leute standen, stumm vor Schrecken und blickten auf die wunderschöne Fremde, die flüsternd, kaum hörbar diese Worte sprach: „Ich bin die Frau des Nebelkönigs, die Herrin des Schnees. Ich wohne fern von hier, im Lande, wo ewiger Schnee ist. Dort hörte ich erzählen, daß die Leute hier auf Erden die Liebe besäßen, die sie glücklich und zugleich unglücklich macht. Ich weiß nicht was Glück ist, ich weiß nicht was Schmerz ist, ich weiß nicht was Liebe ist. Ich möchte nun gern das Feuer der Liebe empfinden, obwohl ich von Kälte und Eis durchdrungen bin und mein Herz erstarrt ist. Wer von euch will mich die Liebe lehren?“

Da sprang der schönste Jüngling des Stammes vor die wunderschöne Frau und sprach also: „Ich will dich lieben und dann wirst du mich auch lieben!“ Er umarmte die schöne Fremde, die er gar schnell fahren ließ, denn sie war so kalt wie der Schnee; er küßte ihren Mund, aber der war wie das Eis, so kalt. Trotzdem führte er sie in sein Zelt und wurde mit der schönen Frau am nächsten Tage vermählt. Als sie nach der Hochzeitsfeierlichkeit sich ins Zelt zurückzogen und erst am nächsten Tage wieder zum Vorschein kamen, da war die schöne Frau ganz verändert. Ihr Gesicht war nicht mehr so weiß, wie Schnee, sondern war mit Röte überzogen; ihr Haar glänzte nicht mehr wie Gold, sondern war dem gelben Flachse gleich; trotzdem war sie eine wunderschöne Frau, ja sie war noch schöner geworden, denn sie begann Liebe zu empfinden.

Ein Jahr verstrich und die schöne Frau gebar einen Sohn, der ganz seiner Mutter glich. Mit der Zeit wuchs ihre Liebe; sie wurde inniger und stärker, so daß sie nicht einen Augenblick von der Seite ihres Gatten wich. Zwanzig Jahre verstrichen in Glück und Freude; zwanzig Kinder gebar die Frau, die alle ihrer Mutter glichen. Da starb ihr Mann und unter Klagen und Jammern wurde er begraben.

Viele Männer warben nun um die Witwe, die noch immer so schön war, wie im ersten Jahre ihrer Ehe, aber sie wich den Männern aus und eines Abends, als alle vor den Zelten saßen, sprach sie zu den Leuten also: „Mein Mann, der Nebelkönig, fordert mich jetzt zurück. Als ich zu euch kam, mußte ich ihm versprechen heimzukehren, sobald der Mann meiner Liebe gestorben sei. Nun kehre ich heim, um meinen Herrn die Liebe zu lehren, ihr aber pflegt und beschützt meine Kinder und liebt sie, so wie ich euch geliebt habe!“

Da schwebte ein dichter Nebel heran, der sich auf die schöne Frau niederließ und die Leute sahen noch lange, wie sie mit dem Nebel weit über das hohe Gebirge schwebte und dort in der Ferne verschwand. Ihre Kinder heirateten auch mit der Zeit und aus diesen Ehen stammen die blonden Menschen her.

Textquelle: Märchen und Sagen der Transsilvanischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Berlin: Nicolaische Verlags-Buchhandlung 1886, S. 2-4. (Nur anders übersetzt und dafür neu herausgegeben auch in Märchen und Lieder der Roma, 1999 bei Peter Lang und zwar S. 142f.)
Bildquelle: Théodore Chasseriaus „Venus Anadyomene“ von 1838)

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Ist doch schön, oder? Und zwar ist die Venus Anadyomene keine Schneekönigin, aber jetzt mal nur von der Wirkung her? Passt doch wie die Faust aufs Auge!

Allerdings 20 Kinder in 20 Jahren ist ein bißchen gruselig. Zum Glück bin ich brünett. Puh. 😉

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