4.3 Die Entstehung des Stechapfels und die Abkunft der Zigeuner

Okay, jetzt wissen wir also, wie das mit der Geige gewesen ist. Aber wie war es mit den ‚Zigeunern‘ an sich? Lest selbst…

Die Entstehung des Stechapfels und die Abkunft der Zigeuner

In einem fernen Lande lebte einmal ein gar kluger Mann, der viele zauberkräftige Mittel kannte, mit denen er den Menschen viel Gutes erwies. Die Leute kamen von weit und breit zu diesem weisen Manne und fragten ihn um Rat und Niemand verließ sein Haus ohne Trost und Hilfe.

Da waren einmal gar viele Leute bei ihm und da sagten Einige zum weisen Manne: „Herr, warum nimmst du dir nicht ein Weib und erzeugst Kinder, denen du deine große Kunst nach deinem Tode hinterlassen kannst?“ Der weise Mann sprach: „Ich möchte mir wohl ein Weib nehmen, aber ich glaube kaum ein solches finden zu können, das mir nie etwas gegen meinen Willen tut. Ich brauche nur eine solche Frau, die meinen Willen stets befolgt; ist sie mir nur einmal ungehorsam, so muß ich sie verfluchen!“ Trotzdem drangen die Leute in ihn, sich ein Weib zu nehmen. Da sprach der weise Mann: „Gut, ich will mir also ein Weib nehmen! Welche von den anwesenden Jungfrauen will mein Weib werden!“ Eine schöne Jungfrau trat hervor und sprach: „Ich will, o Herr, dein Weib werden und stets deinen Willen befolgen!“ „So geschehe es!“ versetzte der weise Mann und nahm sich die schöne Maid zur Frau.

Lange Zeit lebten sie im besten Einverständnis, denn die Frau tat nie etwas zur Unzufriedenheit ihres Mannes. Sie hatten gar viele Kinder und der weise Mann freute sich in seinem Herzen, daß nach seinem Tode seine Weisheit auf so Viele vererbt werde.

Da traf es sich einmal, daß er spät in der Nacht von einem Kranken, den er zu heilen suchte, heimkam und zu seiner Frau also sprach: „Liebe, wenn morgen der Tag dämmert, so wecke mich auf, damit ich den Kranken besuche, bevor noch die Sonne die Erde bescheint!“ Nun legte er sich nieder und schlief. Als der Tag dämmerte, da dachte seine Gattin bei sich: der Arme, wie gut er schläft! Er hat sich so spät und ganz erschöpft niedergelegt! Ich lasse ihn noch ein wenig schlafen! — Sie ließ also ihren Gatten weiter schlafen und als sie ihn weckte, da beschien schon die Sonne die weite Erde.

Stechapfel als HeilpflanzeDa sprang der weise Mann von seinem Lager auf und sprach: „Als ich dich zum Weibe nahm, hatte ich dir gesagt, daß du stets meinen Willen erfüllen sollst; handelst du nur einmal gegen mein Gebot, so muß ich dich verfluchen! Dies hast du Alles recht gut gewußt und mich gegen meinen Willen nicht geweckt. Nun also sei verflucht und werde eine Pflanze, die von Tieren und Menschen gemieden, in ihrer Frucht so viele Körner enthält, als du Kinder auf die Welt gebracht hast! Deine Kinder sollen die ganze Welt durchwandern und dich überall hinführen; du aber sollst ihnen dienen und gehorsam sein müssen!“

Hierauf verschwand der weise Mann und aus der Frau entstand der Stechapfel, den ihre Kinder mit sich in die Welt führten und überall verbreiteten. Man sagt eben, wir stammten von den Kindern dieses Ehepaares ab.

Textquelle: Volksdichtungen der siebenbürgischen und südungarischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Wien: Verlag von Carl Graeser 1890, S. 187ff. (Vgl. neueren Datums: Thomas Münsters Zigeuner-Saga (1969), S. 272f.).
Bildquelle: Ausschnitt aus einer Seite aus dem Botanischen Bilderbruch (1897) von Franz Bley und H. Berdrow)

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Nicht nut der Heinrich führt an, dass der Stechapfel erst mit den Roma nach West- und Mitteleuropa kam. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion ist das bis heute noch eine der beliebten Thesen im Spiel von ‚Nichts genaues weiß man nicht‘. Aber das ist ja gar nicht das spannende an dieser Sage, sondern der weise Mann, der nicht weise ist, sondern ein bißchen ein Chauvi-Arsch, da ja keine andere Erklärung gegeben wird, warum seine Frau ihm nun so unbedingt gehorchen muss. Andere Zeiten, andere Sitten. Weia. Und dann natürlich spannend, dass die ja hier nun erst recht im letzten Satz (wir!) suggerierte Authentizität ausgerechnet die eigene Herkunft mit der Verbreitung des Stechapfels in eins bringt – Gift- und Heilpflanze und also lange verschrien als Hexenkraut. Hmmm.

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