4.2 Die Erschaffung der Geige

Auf zum nächsten Klischee: Zigeuner mit Tanzbär und Geige und hoch die Tassen. Okay, vergessen wir den Tanzbären, dem Tierschutz sei Dank. Aber wie ist das mit der Geige? Aha. Und an manchen Klischees ist eben doch was dran.

Im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma gibt es eine Ausstellung eben zur Tradition des Geigenbaus bei den Sinti und Roma und zwar genau hier. Aber wir sind ja hier im Märchensammler und das heißt natürlich, es gibt auch eine Sage dazu, wie die Roma zu ihren Geigen gekommen sind. Aber lest selbst…

Die Erschaffung der Geige

Es war einmal ein armer Mann und eine arme Frau, die hatten lange Zeit keine Kinder. Da geschah es einmal, daß die Frau in den Wald ging und einem alten Weibe begegnete, das also zu ihr sprach: „Gehe nach Hause und zerschlage einen Kürbis*, gieße Milch in denselben und dann trinke sie. Du wirst dann einen Sohn gebären, der glücklich und reich werden wird!“ Hierauf verschwand das alte Weib, die Frau aber ging nach Hause und tat wie ihr geheißen war.

Nach neun Monaten gebar sie einen schönen Knaben. Doch nicht lange Zeit hindurch sollte die Frau glücklich bleiben, denn sie wurde bald krank und starb. Ihr Mann starb auch, als der Knabe zwanzig Jahre alt wurde. Da dachte sich der Jüngling: Was soll ich hier machen? Ich gehe in die Welt und suche mein Glück! — Der Jüngling ging also von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, fand aber nirgends sein Glück.

Da kam er einmal in eine große Stadt, wo ein reicher König wohnte, der eine wunderschöne Tochter besaß. Ihr Vater wollte sie nur dem Manne zur Frau geben, der so etwas machen könne, was noch Niemand auf der Welt gesehen habe. Viele Männer hatten schon ihr Glück versucht, aber sie wurden alle vom König aufgehängt, denn sie konnten nichts machen, was man nicht schon vordem gesehen hatte.

Als der Jüngling dies hörte, ging er zum König und sprach: „Ich will deine Tochter zur Frau haben; sag’, was soll ich denn machen?“ Der König erzürnte und sprach: „Du fragst, was du machen sollst? Du weißt ja, daß nur der meine Tochter zur Frau erhält, der so etwas machen kann, was noch Niemand auf der Welt gesehen hat! Weil du so dumm gefragt hast, sollst du im Kerker sterben!“

Zigeunerjunge mit GeigeHierauf sperrten die Diener des Königs den Jüngling in einen dunklen Kerker. Kaum daß sie die Türe zusperrten, da wurde es hell und die Matuya** erschien. Sie sprach zum Jüngling: „Nicht sei traurig! Du sollst noch die Königstochter heiraten! Hier hast du eine kleine Kiste und ein Stäbchen! Reiß’ mir Haare von meinem Kopf und spanne sie über die Kiste und das Stäbchen!“ Der Jüngling tat also, wie ihm die Matuya gesagt hatte. Als er fertig war, sprach sie: „Streich’ mit dem Stäbchen über die Haare der Kiste!“ Der Jüngling tat es. Hierauf sprach die Matuya: „Diese Kiste soll eine Geige werden und die Menschen froh oder traurig machen, je nachdem du es willst.“ Hierauf nahm sie die Kiste und lachte hinein, dann begann sie zu weinen und ließ ihre Tränen in die Kiste fallen. Sie sprach nun zum Jüngling: „Streich’ nun über die Haare der Kiste!“ Der Jüngling tat es und da strömten aus der Kiste Lieder, die das Herz bald traurig, bald fröhlich stimmten.

Zigeuner mit GeigeAls die Matuya verschwand, rief der Jüngling den Knechten zu und ließ sich zum König führen. Er sprach zu ihm: „Nun also höre und sieh, was ich gemacht habe!“ Hierauf begann er zu spielen und der König war außer sich vor Freude. Er gab dem Jüngling seine schöne Tochter zur Frau und nun lebten sie Alle in Glück und Freude. So kam die Geige auf die Welt ….

* Hr. Wlislocki erklärt, warum nun ausgerechnet ein Kürbis her musste, mit dessen symbolischer Bedeutung. Der Kürbis stehe nämlich für Fortpflanzung wie auch Dummheit.
** Ich zitiere den Heinrich: „Die Matuya ist die Feenkönigin, die Armen und Verlassenen hilfreich beisteht; vgl. die Mautia der Albanesen.“

Textquelle: Volksdichtungen der siebenbürgischen und südungarischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Wien: Verlag von Carl Graeser 1890, S. 194ff. (Anders übersetzt und dafür neu herausgegeben auch in Märchen und Lieder der Roma, 1999 bei Peter Lang und zwar S. 102ff.)
Bildquelle: Die Bilder sind eigene Scans von meinereinem aus derselben Quelle und zwar da von S. III und S. 2

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So muss es gehen. Da stellt man sich echt ein bißchen doof an – war doch klar, dass die Idee zum Besondern dazu gehört zum Besondern, was noch keiner gesehen hat – und schwupps kommt eine prima Feenkönigin und hilft einem aus der Patsche. Sehr sympatisch. *schaut sich suchend um*

P.S.: Woran man auch noch den Kultstatus von ‚Zigeuner‘ und Geige merkt? Das in Wlislockis Werk gleich zwei Illus dazu sind von insgesamt einer handvoll!
P.P.S.: Und wo wir schon bei den Postscriptums dabei sind. Im oben ernannten Dokumentationszentrum haben die zudem eine wirklich beeindruckende Dauerausstellung zum Völkermord an Sinti und Roma im Dritten Reich. Wirklich beeindruckend! Wenn auch natürlich eher in dem Sinne, dass man danach wie betäubt rauswankt und sich fragt, wie (a) Menschen sowas anrichten können und (b) andere Menschen sowas ertragen können, ohne völlig irrsinnig zu werden.

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