4.1 Mythos oder Mythos der Roma? Heute mit Flöhen

Beim Durchstöbern von Märchenbüchern bin ich – auf der Suche nach, ich glaube es waren wohl englische Märchen – auch über zwei Bücher mit Sagen und Märchen der ‚Zigeuner‘ gestoßen. Soll also heißen der Roma, aber im 19. Jahrhundert ignorierte man diese eigentliche Selbstbezeichnung noch fröhlich und schrieb so auch im wissenschaftlichen Bereich locker-flockig von Zigeunern.

Um gleich die Karten auf den Tisch zu legen – hier habe ich selber keinen Plan, lade euch aber trotzdem herzlich ein, mich auf meiner Tour zu begleiten, geleitet von Neugier und der Frage: Was passiert mit unseren ganzen schönen Klischees zu eben nicht den Roma, sondern den Zigeunern, wenn man heute deren Märchen liest? Und zwar wie sie im 19. Jahrhundert ein Deutscher – selber aber aus Siebenbürgen – aufgezeichnet hat, nämlich Dr. Heinrich von Wlislocki (1856-1907).

Ein bisserl Hintergrund dazu, weil ich ihn nun schon selber nachgelesen habe*: Klar ist, dass der Heinrich tatsächlich für mehrere Monate in den 1880er Jahren selbst bei Roma lebte und deren Märchen, Mythen und Lieder aufschrieb. Klar ist wohl auch, dass er dabei grad genauso streng wissenschaftlich und objektiv vorging, wie es die Brüder Grimm taten. Mit anderen Worten, er hat wohl hier und da durchaus was verändert, der damaligen Moral angepasst und – frei nach dem Motto: was nicht passt,… – vor allem seiner These einer indogermanischen Herkunft zumindest mal der Roma-Sprache etc. Wie gesagt, alles gar nichts Ungewöhnliches für die Märchenforschung des 19. Jahrhunderts.
Um aber trotzdem ein bißchen auf Nummer sicher zu gehen, hier nicht verkleidete indische Dinge zu präsentieren, halte ich mich an Märchen und Sagen, die zumindest in einer Version, auch in neueren Publikationen zu finden sind.

So, nun aber genug des Drumherums und damit nun direkt zum Klischee der dreckigen Zigeuner.

Die Entstehung der Flöhe

Die Geschwisterkinder Schmutz und Faulheit wurden einmal aus einer großen Stadt vertrieben und wanderten lange Zeit in der Welt umher, von den Menschen und Tieren verfolgt und verspottet. Da kamen sie endlich nach langer Wanderschaft in ein Land, wo ewiger Sommer war und die Leute ohne viele Arbeit und Mühe glücklich und zufrieden lebten.

Da sagte der Schmutz: „Hier ist es gut warm! hier wollen wir bleiben.“ Die Faulheit gähnte und flüsterte darauf: „Mei-net-wegen!“

Die Faulheit und der Schmutz machten sich nun breit und lebten lange Zeit in gutem Einvernehmen miteinander. Der Schmutz nahm von Tag zu Tag immer mehr zu und war gar bald so fett und gemästet, wie der fetteste Fleischhauer; die Faulheit hingegen blieb, wie sie war und das verdroß sie gar sehr. Da klagte sie ihrer Tante, der Langeweile, ihr Leid und diese sprach: „Schau, ich habe einen guten Gedanken! du und der Schmutz werdet ein Paar, heiratet Euch und dann werdet ihr euch nicht mehr gegenseitig beneiden.“

Flohgeist!Und so geschah es. Der Schmutz und die Faulheit wurden ein ehrsames Pärchen und lebten mit einander in Glück und Zufriedenheit. Doch nicht lange dauerte ihre Herrlichkeit, denn unser Herrgott strafte ihre Ehe, weil sie Geschwisterkinder waren und sich dennoch ehelichten. Als nämlich die Faulheit niederkam, gebar sie Flöhe, die sich seit der Zeit zum großen Ärger ihrer Mutter überall vermehren und gedeihen, wo sich ihre Eltern, der Schmutz und die Faulheit, niederlassen.

 

Textquelle: Märchen und Sagen der Transsilvanischen Zigeuner. Gesammelt und aus unedirten Originaltexten übersetzt von Dr. Heinrich von Wlislocki. Berlin: Nicolaische Verlags-Buchhandlung 1886, S. 7. (Anders übersetzt und dafür neu herausgegeben auch in Märchen und Lieder der Roma, 1999 bei Peter Lang und zwar S. 221)
Bildquelle: Williams Blakes „The Ghost of a Flea“ von ca. 1819)

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Na, da haben wir es doch? Oder doch nicht? Denn dieses ätiologisches Märchen findet sich offenbar breit verstreut über den Balkan. Und naja, es ist ja eh klar, dass es in früheren Jahrhunderten auch in den schicken Städte, die eben nicht so schick waren, nur so wimmelte von Flöhen. So sehr wimmelte, dass bildende Künstler sie zum Thema machten. Aber warum sollte ich euch Bilder von Menschen in Nachthemd auf Flohsuche zeigen, wenn es stattdessen William Blakes (1757-1827) The Ghost of a Flea gibt? Schön gruselig, oder? Ach ja, die spinnerten Romantiker… 😀

* Und zwar in seinen eigenen Vorwörtern und dann auch hier: Wim Willems: In search of the true gypsy. From Enlightenment to Final Solution. London u.a.: Cass 1997.

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