3.5 Fuchs und Kranich, ein Gedicht von Goethe

Die Fabel ist jedoch nicht immer Fabel geblieben. Und so gibt es heute einen Abstecher in die schöne Literatur, denn Fuchs und Storch/Kranich haben ihren Weg aus der mündlichen Erzähl- in die schriftliche fixierte Literaturtradition gefunden und zwar gleich zu Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Beste Adresse also.

Goethe berühmt drapiert...Der hat das folgende Gedicht im Oktober 1819 niedergeschrieben, bevor es 1821 zunächst in Zeitschriften erschien. Und zwar zunächst ohne Titel, erst in der Ausgabe bei Cotta und damit seit 1840 erscheint das Gedicht als…

Fuchs und Kranich
Johann Wolfgang von Goethe

Zwei Personen ganz verschieden
Luden sich bei mir zu Tafel,
Dießmal lebten sie in Frieden,
Fuchs und Kranich, sagt die Fabel.

Beiden macht’ ich was zurechte,
Rupfte gleich die jüngsten Tauben;
Weil er von Schakals Geschlechte,
Legt’ ich bei geschwollne Trauben.

Langgehäls’tes Glasgefäße
Setzt’ ich ungesäumt dagegen,
Wo sich klar im Elemente
Gold- und Silberfischlein regen.

Hättet ihr den Fuchs gesehen
Auf der flachen Schüssel hausen.
Neidisch müßtet ihr gestehen:
Welch ein Appetit zum Schmausen!

Wenn der Vogel, ganz bedächtig,
Sich auf einem Fuße wiegte,
Hals und Schnabel, zart und schmächtig,
Zierlich nach den Fischlein schmiegte.

Dankend freuten sie beim Wandern
Sich der Tauben, sich der Fischchen;
Jeder spottete des andern,
Als genährt am Katzentischchen.

Willst nicht Salz und Schmalz verlieren,
Mußt, gemäß den Urgeschichten,
Wenn die Leute willst gastiren,
Dich nach Schnauz’ und Schnabel richten.

 

Textquelle: Goethes Werke: Herausgegeben von Gustav von Loeper im Auftrage der Großherzogin Sophie von Sachsen. Band 2. Weimar: Hermann Böhlau 1890, S. 178f.
Bildquelle:Ausschnitt aus Johann Heinrich Wilhelm Tischbein berühmten Bild „Goethe in the Roman Campagna“ (1786/1787)

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Die ursprüngliche Fabel von Aesop wird wie dessen Fabel vom Fuchs und den Trauben nur noch zitiert, in einer Art meta-fiktionalen, intertextuellen Spiel, wie man heute sagen würde. Fuchs und Kranich bewirten nicht einander, sondern sind zu Gast bei einem Dritten, der aus ihren Querelen gelernt hat und so beide glücklich macht. Fuchs und Kranich allerdings zicken weiter.

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