3.4 Fuchs und Storch in der Lessing’schen Übersetzung von Richardson

Wir springen weitere hundert Jahre in die Zukunft – dazwischen hätte es unter anderem noch Hans Sachs gegeben – und landen bei einer weiteren Übersetzung ins Deutsche. Das englische Original stammt von Samuel Richardson (1689-1761), der durchaus an sich spannend ist, wirkte er doch nicht zuletzt auf die englische Empfindsamkeit und damit zum Beispiel auf eine Jane Austen.

Vor allem jedoch stammt die deutsche Übersetzung vom deutschen Pendant zu Jean de La Fontaine, nämlich Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781), der allerdings heute berühmter für seine Dramen, wie etwa Nathan der Weisen, ist. Für sein aufklärerisches Wirken und Wollen waren ihm aber gerade Fabeln ganz zentral, besagte doch die Theorie – formuliert von Lessing selbst in seinen Abhandlungen über die Fabel (1753) -, dass man mit der Fabel die aufklärerische Botschaft perfekt auch ans einfache Volk bringen konnte.

Es überrascht bei diesem didaktischen Anspruch kaum kaum, dass Lessing die Fabel, die übrigens nicht in seinen eigenen Fabelbüchern enthalten ist, sehr nah am Original übersetzt. Und damit auch an dessen Moral, die nicht nur nichts vom Witz La Fontaines spüren lässt, sondern die aesop’sche Fabel bei weitem übertrifft – in Quantität und Qualität.

Der Fuchs und der Storch

Originalillustration der englischen AusgabeEin Fuchs lud einstmals einen Storch zu einem Gastgebote. Er ließ verschiedene Suppen in flachen Tellern und Schüsseln auftragen, fing an sie begierig aufzuschlürfen und bat seinen Gast herzlich, sich’s ja wohl schmecken zu lassen. Der Storch sahe, daß er angeführt war, nahm aber die Bewirtung mit einem heitern Gesichte auf und sagte seinem Freunde, daß er so gut sein und diesen Abend nun auch mit ihm vorlieb nehmen werde. Der Fuchs machte verschiedene Entschuldigungen allein der Storch ließ sich nicht abweisen, und endlich mußte er ihm versprechen zu kommen. Die Gerichte wurden in Gläsern mit engen Hälsen aufgetragen, und es waren die leckerhaftesten, die der Storch nur hatte finden können. Wohlan, mein lieber Freund, sprach er zu dem Fuchs, tue als ob du zu Hause wärest, und hiermit machte er sich selbst begierig drüber. Der Fuchs merkte den Possen gar bald, schlich sich weg und mußte bekennen, daß er für seinen unwirtbaren Mutwillen gehörig bezahlt sei.

LEHRE: Nichts sieht alberner aus als ein tückischer Schalk, der überlistet und durch seinen eigenen Possen zu Schanden gemacht wird.

BETRACHTUNG: Dieses ist gemeiniglich das Schicksal der Lustigmacher und Possenreißer, die, wenn sie denken, daß sie sich mit andern lustig machen, endlich selbst zum Gelächter werden.
Des Fuchses Mutwille ging zu weit, weil es sowohl auf seine Einladung als unter seinem Dache geschah. Die Vergeltung des Storchs war also, auch nach den Regeln der Höflichkeit und des guten Umgangs, eine ganz verantwortliche Rache; denn da der Fuchs die Spötterei anfing, so erhielt der andere nicht nur eine Aufforderung, sondern auch eine Art von recht, ihn die Freiheiten in Gesellschaft, die alle Grenzen der Leutseligkeit, der Ehre, der Hochachtung und Anständigkeit überschreiten, beurteilen und zugleich einsehen lernen, daß die Gesetzte der Menschlichkeit und der Gastfreiheit auf alle Weise unverletzlich sein sollten; denn einen Freund wegen eines lustigen Einfalls beleidigen, ist ein unsittlicher und unerträglicher Übermut.

 

Textquelle: Samuel Richardson: Äsopische Fabeln mit moralischen Lehren und Betrachtungen. [1740] Aus dem Englischen übertragen und mit einer Vorrede von Gotthold Ephraim Lessing sowie den vierzig Kupfertafeln der Erstausgabe von 1757. Hrsg. und mit einem Nachwort versehen von Walter Pape. Berlin 1987. S. 52ff.
Bildquelle: Originalillustration aus der englischen Ausgabe: Æsop’s fables. With Instructive Morals and Reflections, Abstracted from all Party Considerations, Adapted to all Capacities, and Designed to promote Religion Morality and Universal Benevolance. […], by Mr. [Samuel] Richardson. Printed for T. Wilson and R. Spence, Booksellers in York [1790], tab. IV. – Copyright für den verwendeten Bildausschnitt: berlinickerin

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