3.3 Die Fabel von Fuchs und Storch bei La Fontaine

Illustration zur Fabel von 1688Nach dem antiken Original kommen wir nun zur ersten Nachdichtung mit einem Sprung von schlanken 1000 Jahren. Und zwar zu dem französischen Fabelgott Jean de La Fontaine (1621-1695). La Fontaine hat schon noch anderes geschrieben, aber am berühmtesten ist er bis heute für seine Fabelvariationen, die bis heute nicht nur in französischen Schulen die Kinder erfreuen, sondern auch in diverse Sprachen übersetzt wurden. So auch in die deutsche Sprache. Aber lest selbst:

Der Fuchs und der Storch

Einst griff sich mal Herr Fuchs gewaltig an,
Denn er behielt Gevatter Storch zum Essen.
Die Bissen waren schmal, auch nicht zu sehr gewürzt:
Es war ein dünner Brei; er wußt’ sich einzurichten.
Auf einen Teller war der Brei gethan:
Des Storches Schnabel konnte nichts erwischen,
Indeß der Schelm gar schnell den ganzen Brei wegputzt.
Um sich für diese Prellerei zu rächen.
Wird er zu Gast geladen von dem Storch.
O herzlich gern, spricht er, mit meinen Freunden
Da hass’ ich allen steifen Zwang.
So wie die Mittagsglocke klang,
Ging’s lustig zu dem Storche hin,
Mit glatter Zung’ und honigsüßer Mien’.
Und einen tücht’gen Appetit
Bracht’ er auch mit:
Wie könnt’ es einem Fuchse daran fehlen?
Gar lieblich ging’ ihm schon der Duft des Fleisches ein,
Das man in kleine Stücken wohl zerschnitten.
Und angerichtet ward’s in ein Gefäß
Mit langem Halse und mit enger Mündung.
Der lange Schnabel ging gar wohl hinein,
Allein ein andres Maaß hatt’ unsere Schelmes Schnauze.
Mit leerem Magen kehrte er nach Haus;
Beschämet wie ein Fuchs, den ein Kapaun
So eben bei dem Kragen haschte,
Schlich er mit eingeklemmtem Schwanz davon,
Und ließ die beiden Ohren hangen.

Dies merk’ ein jeder Gauner sich:
Womit du messest, mißt man dich.

 

Textquelle: Lebensweisheit in Fabeln für die Jugend. Von Friedrich Hoffmann, Hofprediger in Ballenstedt. Mit hundert Bildern. Stuttgart: Hoffmann’sche Verlags-Buchhandlung 1840, S. 343f.
Bildquelle: Illustration von François Chauveau für „Fables choisies mises en vers par M. de la Fontaine“, erstveröffentlicht 1688

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Vergleicht man seine Fabel von Fuchs und Storch mit dem aesopschen Text fällt auf, dass La Fontaine in der Handlung seinem Vorbild folgt und auch im selben Genre bleibt. Das heißt, typisch für eine Fabel bleibt die Form sehr knapp und es gibt eine explizite ‚Moral‘. Die ist allerdings erheblich weniger moralisch, tatsächlich schon mehr eine mit französischem Witz formulierte Pointe. Viel besser, muss ich persönlich sagen.

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