3.1 Märchenweltreise mit Fuchs und Storch, heute: Mongolisch

Und doch ja, es geht heute erstmal noch weiter mit einem weiteren mongolischen Tiermärchen. Denn als ich angefangen habe, von den mongolischen dann zu den Tiermärchen anderer Länder überzugehen, stolperte ich über einen großartigen Fund: Märchen, die die Welt wohl nicht in 80 Tagen oder auch nur Jahren, aber doch einmal umreist haben.

Ausgangspunkt für die dieswöchige Märchenweltreise soll – wie es für mich war – das folgende mongolische Tiermärchen sein, dass sich bei näherer Betrachtung diese Woche als eben nicht mongolisch entpuppen wird.

Fuchs und Kranich

Als Fuchs mit der spitzen Schnauze und buschigem Schwanz eines Tages von der Jagd zurückkehrte, begegnete sie Kranich mit den hohen Beinen und dem langen Schnabel.

„Sehr geehrte Frau Kranich, was suchen Sie, daß Sie sich wiederholt bücken?“ fragte Fuchs.

„Ich mache den Himmel zu meinem Reitpferd, die Steppe zu meiner Jurte und suche Insekten als Futter, um meinen Bauch zu füllen. Fuchs, verehrte ältere Dame, wonach schnupperst du denn so suchend?“ sagte Kranich.

„Ich bin auch auf der Jagd und wenn mein Maul und meine Nase fettig geworden sind, werde ich mich wohl gemächlich auf den Weg nach Hause machen. Würden diejenige, die ich in der Steppe getroffen und kennengelernt habe, bitte geruhen, mich zu besuchen“, sagte Fuchs, und nachdem er Kranich eingeladen hatte, ging er.

Am nächsten Tag kam der hochbeinige, langschnäblige Kranich fröhlich zu der Spitzmauligen, Buschigschwanzigen.

„Ah, meine Freundin der Weg hat Euch sicherlich ermüdet“, sagte Fuchs und führte Kranich in seine Jurte und reichte ihr auf einem flachen Teller eine dünne Suppe, von der Dampf aufstieg.

„Bitte laßt es Euch schmecken!“ sagte Fuchs und reichte ihr das Essen.

Kranich mit ihrem langen Schnabel und den hohen Beinen konnte keine Möglichkeit finden, die heiße, dünne Suppe aus dem flachen Teller zu essen, lief um das Essen herum, wobei ihr das Wasser umsonst im Schnabel zusammenlief.

Da sagte Fuchs: „Was untersuchen Sie denn? Seien Sie nicht schüchtern, essen Sie, essen Sie!“ Fuchs hatte seine eigene Suppe blitzschnell aufgeschlürft und leckte nun den Teller ab, so sagt man.

Tatsächlich konnte Kranich nichts essen und stand daher auf, um mit leerem Bauch nach Hause zurückzukehren.

„Sehr geehrte Frau Fuchs, bitte kommt mich morgen besuchen“, lud Kranich sie ein.

Am nächsten Tag kam Fuchs mit dem spitzen Maul und dem buschigen Schwanz schön herausgeputzt zu der Hochbeinigen, Langschnäbligen.

„Ah, meine Freundin, Euer Weg hat Euch sicherlich ermüdet“, sagte Kranich. Sie führte Fuchs in ihre Jurte und brachte duftenden Reis in einer schmalhalsigen Vase.

„Bitte laßt es Euch schmecken!“ sagte Kranich und gab ihr das Essen.

Obwohl Fuchs ihr spitzes Maul in die Vase steckte, erreichte ihre Zunge den Reis nicht. Da sie es nicht konnte, umkreiste sie ihn und leckte hier und da. Das sah Kranich und sagte: „Mein Essen schmeckt doch gut. Was seid ihr so zurückhaltend?“ Ihren eigenen Reis hatte sie aufgepickt, so sagt man.

Tatsächlich konnte Fuchs kein einziges Körnchen Reis essen und ging so mit leerem Bauch nach Hause, so erzählt man.

 

Textquelle: Mongol ardyn ülger. Bd. 3. Ulaanbaatar 1998. S 81-83. – Übersetzung: Berlinickerin

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Man beachte – neben der Schönheit der mongolischen Märchensprache – vor allem, dass es hier eher den Eindruck macht, als würden Fuchs und Kranich einfach schwer von Begriff sein. Ein Mangel an Gastfreundschaft, in der mongolischen Steppe eine Kardinalsuntugend, wird also nicht explizit benannt. Oder was meint ihr?

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2 Gedanken zu „3.1 Märchenweltreise mit Fuchs und Storch, heute: Mongolisch

  1. Bettina von Hanffstengel

    Das Märchen ist ja sowas von nett und köstlich, ob nun in der mongolischen oder in der russischen Variante! Ach, und diese mongolische Märchensprache ist wunderbar. Ich bin Märchenerzählerin und arbeite gerade an einem Märchenprogramm zum Thema Fuchs für Kinder. Aber deine Sammlung hat mich inspiriert, auch Erwachsenen Fuchsmärchen zu erzählen.
    Wunderschöner Blog, vielen Dank!

    Antwort
    1. berlinickerin Autor

      Liebe Bettina, freut mich, dass die von mir zusammengetragenen Märchen dir gefallen. Und vor allem, dass du meine Begeisterung für die mongolische Märchensprache teilst. Einfach wunderschön ist die. Da ist es dann auch viel einfacher, Märchen nicht in die nur-für-Kinder-Schublade zu tun. Was für mich ja gerade das tolle an Märchen ist – das sie für jedes Alter funktionieren. Aber zugegeben nur in passender Übersetzung. Viele Grüße, Jule

      Antwort

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