2.7 Das verwaiste, weiße Kamelfohlen

Zum Abschluss meiner kleinen ‚Bekehrungsmission‘ zur Schönheit und Klugheit mongolischer Tiermärchen noch einmal eines der typischsten Tiermärchen. Nach dem verwaisten Pferdefohlen nun das verwaiste, weiße Kamelfohlen und zwar in bewusst originalgetreuer Übersetzung, damit ihr ein bißchen einen Eindruck bekommt vom Rhythmus und Stil eines mündlich überlieferten Märchen – komplett mit allen gedächtnisstützenden Wiederholungen also. 😀

Das verwaiste, weiße Kamelfohlen

Man erzählt sich, dass in früheren Zeiten ein Fürst und ein himmlisch reicher Mann lebten. Der Reiche wollte dem Fürsten ein Geschenk von hundert weißen Kamelen machen, um sich mit ihm zu verschwägern. Als er die hundert weißen Kamele übergab, fehlte eines. Also wurde noch eine weiße Kamelstute eingefangen und ihr kleines weißes Kamelfohlen blieb allein zurück. Das Kamelfohlen lief herzzerreißend brüllend hin und her und vergoss Tag und Nacht viele Kullertränen.

Da wurden in einer fünfwändigen Jurte fünffarbige Blumen verstreut und das Kamelfohlen hinein gebracht. Wieder lief das Kamelfohlen herzzerreißend brüllend hin und her, vergoss Tag und Nacht viele Kullertränen, bis schließlich die Jurte einstürzte.

Das Kamelfohlen lief über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zu, lief über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zu, zerriss sich seine zerflederte Wolle, stieß wimmernde Rufe aus und lief seiner Mutter hinterher, als der Pferdehirt des Reichen, der alte Agsaldaj, auf sein isabellfarbenes Pferd mit den gestreiften Beinen stieg, das an der Spitze von hundert Pferden lief, seine Lederschlinge aus Tigerhaut an seiner zehn Klafter langen, eisernen Urgaa befestigte und dem Kamelfohlen hinterher jagte. „Ich werde ein handflächengroßes Stück deiner Haut meinen riesigen beiden Hunden als Lager geben. Ich werde ein teeschalengroßes Stück deines durchwachsenen Fleisches dem Pferdejungen zum Braten geben,“ sagte er. Und mit seiner zehn Klafter lange, eisernen Urgaa, die mit der aus Tigerhaut gemachten Lotusherz-Lederschlinge behängt war, traktierte er die Achillessehne des Kamelfohlens, dass es knallte. So brachte er es zurück zur Herde, wo er es an den Hals eines großen, schwarzen Kamelhengstes band.

Als das Kamelfohlen dann trappel, trappel hin und her trabte und Tag und Nacht herzzerreißend brüllte, fragte der große, schwarze Kamelhengst: „Was bist du für ein Tier, dass du andauernd jammerst und brüllst und nichts frisst und trinkst?“ Das Kamelfohlen sagte: „Als der himmlisch Reiche dem Fürsten hundert weiße Kamele zum Geschenk machen wollte, um sich mit ihm zu verschwägern, fehlte ein Kamel und er gab ihm meine Mutter. Als ich ihr hinterherrannte, über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zulief, über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zulief, mir meine zerflederte Wolle zerriss und wimmernde Rufe ausstieß, stieg der Pferdehirt des Reichen des Himmels, der alte Agsaldaj, auf sein isabellfarbenes Pferd mit den gestreiften Beinen, das an der Spitze von hundert Pferden lief, befestigte seine Lotusherz-Lederschlinge aus Tigerhaut an seiner zehn Klafter langen, eisernen Urgaa und traktierte meine Achillessehnen, bis es knallte. ‚Ein handtellergroßes Stück deiner Haut werde ich abziehen und meinen beiden riesigen Hunden als Lager geben, und ein teeschalengroßes Stück deines durchwachsenen Fleisches werde ich dem Pferdejungen zum Braten geben,’ sagte er, und sobald er mich eingefangen hatte, band er mich an Ihren Hals; das ist der Grund, dass ich jammere und heule.“ Der Kamelhengst sagte: „Lass den großen Vater essen, trinken und schlafen! Ich, der Vater, will, wenn die Nacht zur Morgendämmerung wird, meinen großen Mund öffnen, meine Zähne entblößen, das Seil an einem Stein durchscheuern und dich freilassen.“ Während das kleine Kamelfohlen ruhig schlief, öffnete der Kamelhengst, als die Nacht zur Morgendämmerung wurde, sein großes Maul, entblößte seine Zähne, scheuerte das Seil an einem Stein durch und ließ das Fohlen frei, so erzählt man.

Das Kamelfohlen lief über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zu, lief über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zu, zerriss sich seine zerflederte Wolle und lief dahin, indem es wimmernde Rufe ausstieß. Doch wieder brachte es der Viehhirte des himmlisch Reichen, der alte Agsaldaj, zurück und band es an den Hals eines kleinen Kamelhengstes. Das Kamelfohlen jammerte und heulte wie zuvor. Als der kleine Kamelhengst genauso fragte wie der große Kamelhengst, sagte ihm das Kamelfohlen dieselben Worte. Nachdem der kleine Kamelhengst es genau wie der große Kamelhengst befreit hatte, sagte er: „Auf dass du bald wieder in der Spur der goldenen Klauen deiner Mutter laufen und die wiedergefundene, schmackhafte gelbe Erstmilch trinken mögest.“ Und er schickte es fort.

Wieder lief das Kamelfohlen über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zu, lief über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zu, zerriss sich seine zerflederte Wolle und lief dahin, indem es wimmernde Rufe ausstieß, so sagt man. Als der alte Agsaldaj es wieder jagte und zu ihm kam, sagte sein Pferd: „Ich habe schon viele Waisen gesehen. Eine Waise wie dieses kleine weiße Kamelfohlen habe ich noch nicht gesehen.“ Und es starb.

Als das Kamelfohlen weiter lief, traf es auf eine Wölfin, der ihre beiden Jungtiere folgten. „Was bist du für ein Tier, daß du so jammerst und brüllst und heulst?“ fragte sie. „Ich werde dich fressen,“ sagte die Wölfin weiter. Das Kamelfohlen erklärte ihr den Grund für die Trennung von seiner Mutter und sagte: „Falls du mich fressen wirst, dann friss mich, falls du mich von vorne frisst, ist da mein langer, schöner Hals. Falls du mich von unten frisst, sind da meine vier schönen Klauen. Falls du mich von oben frisst, ist da mein recht ebenmäßiger Höcker. Falls du mich von der Seite frisst, sind da meine jurtengitterförmigen Rippen. Falls du mich von hinten frisst, sind da meine beiden schönen Hinterbacken.“ Aber da sprach die Wöfin: „Ich habe schon viele Waisen gesehen. Eine Waise wie dieses Fohlen habe ich noch nicht gesehen.“ Und sie packte eines ihrer eigenen Jungtier, fraß es und rannte davon.

Als das Kamelfohlen über Bergpass um Bergpass weiter auf den Dalantaj-Bergrücken zulief, Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zulief, sich seine zerflederte Wolle zerriss und im Laufen wimmernde Rufe ausstieß, traf es auf einen Tiger, dem seine zwei Jungtiere folgten. Der sagte dasselbe, was die Wölfin gesagt hatte. Das Kamelfohlen sagte ebenfalls die Worte, die es schon zur Wölfin gesagt hatte. Der Tiger jedoch sagte dieselben Worte wie eben jene Wölfin, packte eines seiner Jungtiere, fraß es und lief davon.

Als das Kamelfohlen über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zulief, über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zulief, sich seine zerflederte Wolle zerriss und im Laufen wimmernde Rufe ausstieß, traf es plötzlich auf eine Wand aus sibirischen Lärchen. Weil es nicht um diese herum oder durch diese hindurch konnte, brüllte es herzzerreißend, und als es so hin und her lief, bildete sich plötzlich eine Öffnung zwischen den Bäumen und das Kamelfohlen wurde hindurchgelassen. Als es weiter lief, traf es auf einen kochend heißen Ozean, den es nicht umgehen und nicht durchqueren konnte. Als das Kamelfohlen wieder herzzerreißend brüllte und hin und her rannte, kam eine Schildkröte so groß wie eine vierwändige Jurte angeschwommen und fragte: „Was bist du für ein Tier, dass du so herumläufst und fleißige Tiere nicht ihre Arbeit machen lässt?“ Das Kamelfohlen sagte ihr den Grund für die Trennung von der Mutter. Als die Schildkröte versprach: „Kamelfohlen, ich werde dich fressen.“ Da sagte das Kamelfohlen ihr dasselbe wie zuvor den anderen Tieren. „Ich habe schon viele Waisen gesehen, eine Waise wie dich habe ich noch nicht gesehen,“ sagte da die Schildkröte und brachte das weiße Kamelfühlen über den Ozean, so erzählt man.

weißes Kamelfohlen mit Mama - wenn auch in PolenAls das Kamelfohlen über Bergpass um Bergpass auf den Dalantaj-Bergrücken zulief, über Hügel um Hügel auf die Götöntijn-Wüste zulief, sich seine zerflederte Wolle zerriss und im Laufen wimmernde Rufe ausstieß, hörte es nach drei Jahren die Stimme seiner Mutter. Und die Mutter hörte umgekehrt endlich die Stimme ihres Fohlens. Der himmlisch Reiche sperrte die Mutter darauf in ein dreistöckiges, eisernes Haus und umschloss es mit 30.000 Soldaten in doppelter Reihe. Doch kaum hörte die Kamelmutter die Stimme ihres Fohlens, zerstörte sie das dreistöckige, eiserne Haus, tötete die es umgebenden 30.000 Soldaten und fand schließlich zu ihrem Kamelfohlen. Das Kamelfohlen lief in der Spur der goldenen Klauen seiner Mama und saugte sich endlich an der schmackhaften, gelben Erstmilch satt, so sagt man.

Die Mama sagte zu ihrem Kamelfohlen: „Jemand von dem himmlischreichen Fürsten wird kommen und mich töten.“ Sie sagte weiter: „Daher mein Kind, laufe auf die Spitze des südlichen Berges. Eine gelbliche Kamelstute mit kurzem Schwanz, die deiner Mama ähnlich ist, wird kommen. Geh und trinke ihre wohlschmeckende, gelbe Erstmilch.“ „Wie soll ich fortgehen, da ich in der Spur der goldenen Klauen meiner Mama gelaufen und die wohlschmeckende, gelbe Erstmilch getrunken habe,“ sagte das Kamelfohlen, stöhnte und klage und lief nicht fort. So spritzte seine Mama mit der Milch aus ihrer vorderen Zitze auf die Vorderbeine des Fohlens und mit der Milch aus ihrer hinteren Zitze auf seine Hinterbeine und jagte ihr Kamelfohlen auf die Spitze des Berges.

Viele Soldaten kamen und töteten die Kamelstute. Als das Kamelfohlen an den Ort zurückkam, an dem seine Mutter gestorben war, traten die beiden Augen am Kopf seiner Mutter aus ihren Höhlen, ihre beiden Ohren waren gespitzt und die beiden Nüstern bewegten sich nicht mehr. Das Kamelfohlen legte sich mit brennender Leber* dicht gedrängt an den Kopf seiner Mutter und schlief ein. Aber ein Henkersknecht erschreckte es und weckte es auf. „Gib den Kopf deiner Mutter frei, oder du wirst selbst getötet werden.“ Da riss das Kamelfohlen ängstlich aus und lief auf den Gipfel des südlichen Berges; nach drei Jahren kam eine gelbliche Kamelstute mit kurzem Schwanz, deren Stimmer der Stimme der Mutter ähnelte. Nachdem die beiden aufeinandergetroffen waren, trank sich das kleine, weiße Kamelfohlen an ihrer gelben Erstmilch satt und gemeinsam lebten sie zufrieden und gut bei einem guten Herrn, einem Viehzüchter.

 

* das für uns eingängigere Äquivalent wäre ein gebrochenes Herzchen

 

Textquelle: Ötschin cagaan botgo. Aus: Mal adsch akhujn kholbogdoltoj ardyn aman zokhiol (Mündliche Volksliteratur in Zusammenhang mit der Viehwirtschaft). Zusammengestellt von B. Sodnom. Redakteur G. Rentschinsambuu. Ulaanbaatar 1956, S. 115-119. – Übersetzung: Berlinickerin
Bildquelle: Kamelstute und Fohlen im Zoo in Krakau

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Weniger Witz und mehr Brutalität als in den allermeisten mongolischen Tiermärchen, aber immernoch gibt es kein spritzendes Blut, sondern eher die Symbolik der Gerührtheit ob des so unabbringbar nach seiner Mama suchenden Kamelfohlens.

Und damit wären wir also (für jetzt) am Ende angelant mit dem mongolischen Tiermärchen. Ich hoffe doch sehr, ihr seid insgesamt ein wenig ‚bekehrt‘? ;D

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