2.6 Das Märchen von Stier, Widder und Ziegenbock

Zur Einstimmung ins Wochenende noch einmal sehr lustig und ein bißchen – also ein kleines bißchen – derber. Aber lest selbst…

Das Märchen von Stier, Widder und Ziegenbock

In längst vergangenen, früheren Zeiten gab es einen Ail, der im Winter große Not litt. Und so wurde es Zeit, das Winterlager zu verlassen. Drei völlig geschwächte Tiere – einen jungen Stier, einen jungen Widder und einen jungen Ziegenbock – ließ man jedoch zurück.

Als die Kälte endlich nachließ und sie am frischen Grün des Frühlings langsam wieder zu Kräften kamen, kam ein Wolf angerannt und wollte alle drei in einem Festschmauß fressen. Der Wolf fragte den Stier also: ,,Wie heißt du?“

Darauf sagte der halbwüchsige Stier: ,,Mein Name ist Günden Khaan mit dem großen Bauch.“ Das fand der Wolf interessant, zeigte auf die Hörner des Stiers und fragte: ,,Und was hast du da auf deinem Kopf?“ Da sagte der Stier: ,,Das sind meine steinbockschwarzen Spieße, die mir vom Himmel verliehen wurden, um meine Feinde ohne Nachsicht zu durchbohren.“ Der Wolf wunderte sich, zeigte auf das Säckchen zwischen den Hinter¬beinen des kleinen Stiers und fragte: ,,Was ist das denn?“ Da sagte der Stier: ,,Das sind meine riesigen bitteren Zwiebeln, die mir von den Eltern mitgegeben wurde, um das Fleisch räuberischer Wölfe vor dem Essen zu würzen.“

Da fürchtete sich der Wolf doch vor dem Stier und fragte den jungen Widder: ,,Wie heißt du?“ Darauf sagte dieser: ,,Mein Name ist Tondsh Khaan mit dem großen Kopf.“ Der Wolf schaute auf die Hörner des Schafbocks und fragte: ,,Und was hast du da?“ Da sagte der kleine Widder: ,,Das sind meine großen schwarzen Hämmer, die mir vom Himmel verliehen wurden, um den Kopf angreifender Wölfe kaputtzuschlagen!“

Da fürchtete sich der Wolf auch vor dem Widder, ging zu dem kleinen Ziegenbock und fragte: ,,Und wie heißt du?“ Darauf sagte der Ziegenbock: ,,Mein Name ist Sandsh Khaan mit dem großen Bart.“ Der Wolf wunderte sich, zeigte auf die Hörner des Ziegenböckchens und fragte: ,,Was ist das?“ Da sagte der Ziegenbock: ,,Das sind meine scharfen Säbel, die mir vom Himmel verliehen wurden, um Wölfe damit zu durchbohren!“

Der Wolf hatte nun wirklich Angst, zeigte aber doch noch auf das Säckchen zwischen den Hinterbeinen des Ziegenbocks und fragte: ,,Und was habt Ihr da?“ Da sprach der Ziegenbock: ,,Ach die – in den Lederbeuteln* sind Salz und Zwiebeln als Würze für rohes Wolfsfleisch. Und so will ich dich nun fressen!

Und als er einen Satz auf den Wolf zumachte, raste dieser in panischer Angst davon über das Eis des Flusses, wobei der einen langen, schwarzen Dünnschiss zurückließ. In seinem Eifer setzte der kleine Ziegenbock ihm nach, rutsche aber auf dem Eis aus und brach sich den Damm. „Dich… na, warte! Wenn mein Hosenriemen nicht gerissen wäre, würde ich dir das Fell über die Ohren ziehen!“ brüllte er und zappelte mit den Beinen.

So haben ein kleiner ausgehungerter Stier, Widder und Ziegenbock einen Wolf verjagt. Und als sie sich am Frühlingsgrün gestärkt hatten, fanden sie zurück zu ihrer Herde und lebten glücklich in Ruhe und Frieden, so erzählt man.

* Das Wort meint tatsächlich direkt einen Lederbeutel aus dem Hodensack eines Hammels!

Textquelle: Bukh, khuc, ukhna gurvyn ülger. Aus: Mongol ardyn ülger. [Mongolische Volksmärchen]. (In englischer und mongolischer Sprache). Aus dem Mongolischen ins Englische übersetzt von D. Altangerel. Hrsg. von Owen Lattimore. Ulaanbaatar 1977. S. 203ff. – Übersetzung aus dem Mongolischen: Berlinickerin.

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Auch das ist ein ganz typisches mongolisches Tiermärchen, das es in unzähligen Variationen gibt. Überhaupt gibt es viele Tiermärchen über die Begegnung von Hausvieh und Raubtieren, wobei natürlich immer die Haustiere mit Witz und/oder Ego und/oder Hilfe gewinnen – zur Beruhigung der mongolischen Viehzüchternomaden sicherlich. ;D

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