2.5 Das Märchen von der lahmen Elster mit den sieben grünen Eiern

Zur Einstimmung auf das Wochenende eines der – wie ich finde – allerschönsten Tiermärchen. Wunderschöne Sprache voll mongolischem Witz!

Das Märchen von der lahmen Elster mit den sieben grünen Eiern

In längst vergangenen Zeiten lebte eine lahme Elster, die sieben grüne Eier hatte, so erzählt man sich. Eines Tages jedoch kam ein Fuchs und sagte:

„Gib mir eines von deinen sieben Eiern! Ich will es fressen!“ Darauf, so sagt man, erwiderte die Elster:
„Ich werde dir keines meiner Eier geben.“

„Wenn du mir keines deiner Eier gibst, werde ich alles hier zu feinem Staub zermalmen und deine goldene Espe mit meinem Kopf umstoßen,“ sagte der Fuchs. Da bekam die Elster schreckliche Angst und gab ihm ein Ei.

So kam dann der Fuchs jeden Tag, wiederholte seine Worte und fraß die Eier der Reihe nach auf, bis nur noch ein einziges Ei übrig war. Als daraufhin die Elster anfing zu weinen, traf es sich, dass eine Maus des Weges kam.

Elster mit Eichhörnchen

„Warum weinen Sie?“ fragte die Maus. Die Elster sagte:

„Ich hatte einst sieben Eier. Aber dann kam der Fuchs und sagte: ,Du musst mir eines deiner Eier geben.‘ Und als ich sagte, ich würde ihm kein einziges geben, sagte er: ,Wenn du es mir nicht gibst, werde ich deine goldene Espe umstoßen, ich werde alles zu feinem Staub zermalmen.‘ Da blieb mir nichts anderes übrig, als ihm das Ei zu geben, und jetzt ist nur noch ein einziges Ei übrig.“

Die Maus gab der Krähe folgenden Rat. „Gut, sag jetzt bitte: ,Ich werde dir keines meiner Eier geben‘. Wenn der Fuchs das hört, wird er dir wie zuvor sagen: ,Ich werde deine goldene Espe mit meinem Kopf umstoßen. Ich werde alles zu feinem Staub zermalmen.‘ Und dann sagst du folgendes: ,Wo sind denn deine Hörner, mit denen du die goldene Espe umstoßen könntest? Und wo sind deine Hufe, mit denen du alles hier zu feinem Staub zertrampeln könntest?‘ Das frage. Dann wird dich der Fuchs fragen, wer dich diese Worte gelehrt hat. Und du antwortest bitte: ,Ich habe selber nachgedacht, bis es mir einfiel. Ich habe darüber geschlafen, und da kam es mir in den Kopf. Ich habe gegrübelt, bis ich die Idee hatte.“‘

Prompt kam der Fuchs am nächsten Tag wieder und sagte zu der Elster: „Gib mir dein letztes Ei!“ Und als die Elster wie versprochen sagte: „Ich werde es dir nicht geben.“ Da sagte der Fuchs: „Dann werde ich die goldene Espe mit meinem Kopf umstoßen. Ich werde alles hier zu feinem Staub zermalmen.“

Aber da fragte nun die Elster: „Wo sind denn deine Hörner, mit denen du die goldene Espe umstoßen willst? Und wo sind deine Hufe, um meine Sachen zu Staub zu zermalmen?“

„Von wem hast du diese Worte gehört? Sag es mir!“ sagte der Fuchs;die Elster sagte es nicht. „Ich habe selber nachgedacht, bis es mir einfiel. Ich habe darüber geschlafen, und da kam es mir in den Kopf. Ich habe gegrübelt, bis ich die Idee hatte,“ antwortete sie.

„Wenn du mir nicht sagst, wer dich diese Worte gelehrt hat, dann werde ich dich mit Hilfe der 13 Listen des Fuchses fangen und fressen!“ drohte der Fuchs. Da sah die Elster keinen Ausweg mehr, und in ihrer Angst sagte sie: „Die Maus, die in jenem Loch wohnt, hat sie mich gelehrt.“

Der Fuchs ging zu dem Eingang der Höhle der Maus und rief die Maus. Diese antwortete: „Ich mache gerade sauber.“ Aber der Fuchs wartete und rief noch einmal nach ihr. Da rief die Maus: „Ich wische gerade meinen Spiegel ab.“ Der Fuchs aber wartete weiter und rief noch einmal nach der Maus. Da streckte die Maus ihren Kopf aus der Öffnung, wie man sich erzählt. „Wenn der Kopf schon so prächtig ist, wie prächtig muss dann erst die Brust sein,“ sagte der Fuchs. Da brachte die Maus ihre Brust zum Vorschein. Der Fuchs sagte:

„Wenn die Brust schon so prächtig ist, wie prächtig muss dann erst der Po sein.“ Die Maus kroch soweit hervor, dass ihr Po zum Vorschein kam. „Wenn der Po schon so prächtig ist, wie prächtig ist dann wohl erst der Schwanz,“ sagte der Fuchs, und die Maus präsentierte ihren Schwanz. Schließlich sagte der Fuchs: „Dein Körper ist so prächtig. Wie prächtig wärst du erst, wenn du auf einen Felsen hüpfen würdest?“ Als die Maus daraufhin auf einen Felsen hüpfte, schnappte der Fuchs zu und fing sie.

Da sagte die Maus: „Wenn du mich kaust, wird es stinken. Wenn du aber ein großes Stück abbeißt, wird es gut schmecken.“

Also machte es der Fuchs so, wie die Maus es ihm geraten hatte, und als er sein Maul dazu weit aufriss, fiel die Maus aus seinem Maul und lief davon.

Textquelle: Doloon nogoon öndögtej dogolon schaazgajn ülger. Aus: Mongol ardyn ülger. (Mongolische Volksmärchen). Zusammengestellt und mit einer Einleutung und Erklärungen von D. Cerensodnom. Herausgegeben von Professor A. Luvsandendedv. Ulaanbaatar 1982, S. 56ff.
Bildquelle: Illustration von Elster und Eichhörnchen in der „Gartenlaube“ (1887))

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2 Gedanken zu „2.5 Das Märchen von der lahmen Elster mit den sieben grünen Eiern

  1. berlinickerin Autor

    Oh, ganz vielen Dank für den Gegenbesuch. Und allerdings, Mäuse sind eigentlich clevere keine Kerle und in mongolischen Tiermärchen erst recht. Wenn auch sympatisch eitel.

    Antwort

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