2.4 Der Khulan, die Krähe und der Wolf

Auch heute gibt es den Wolf und zwar einmal mehr in einer Dreierrunde. Diesmal aber in einem für das mongolische Tiermärchen ganz typischem Typ, in dem jeweils eines der Tiere in die Falle eines Jägers geht, worauf einer seiner eigentlichen Kumpel es fröhlich fressen will und der dritte Freund der Runde es rettet. Ihr dürft mal raten, welche Rolle der Wolf spielt… 😀

Der Khulan, die Krähe und der Wolf

In längst vergangenen Zeiten waren ein Khulan*, eine Krähe und ein Wolf gute Freunde und lebten gemeinsam. Eines Tages aber sprachen sie darüber, in eine neue Gegend umzuziehen. Die Krähe, so erzählt man, sah sich um und sagte:

„Nicht weit von hier ist ein Ort, an dem es für uns alle drei reichlich Nahrung gibt. Aber dort lebt ein starker Jäger, der Pfeil und Bogen und Fallen hat. Seine Fallen sind eine Gefahr für uns.“

Daraufhin dachte sich der Wolf: ‚Falls der Khulan nun aber dem Jäger in die Falle gehen wurde, dann könnte ich mich einmal so richtig satt fressen.‘

„Laßt uns schnell zu diesem schönen Ort gehen und dort leben. Oder habt ihr etwa Angst vor diesem lächerlichen Jäger?“ sagte er energisch.

mongolischer Wildesel=Dschiggetai=KhulanZu dritt zogen sie also an jenen Ort und lebten dort recht gut, bis der Khulan eines Tages in eine Falle ebenjenes Jägers ging. Sobald der Wolf davon erfuhr, beeilte er sich, noch vor der Krähe bei dem Khulan zu sein und sagte, kaum bei der Grube angekommen, zu diesem:

„Wie bist du nur in diese Falle geraten?“

„Ich weiß es nicht genau. Ich bin einfach so gelaufen, als ich plötzlich in solche Gefahr geraten bin. Wie komme ich nun wieder frei?“ fragte er den Wolf.

„Spring nur immer auf und ab! So kannst du dich bestimmt befreien,“ sagte er und ging fort.

Der Wolf dachte sich, daß er den Khulan ganz sicher fressen würde, und legte sich in der Nähe auf die Lauer, so sagt man. Aber da kam die Krähe angeflogen, und sobald sie den Khulan sah, rief sie:

„Khulan, warum springst du immer auf und ab?“

„Warum ich das mache? Ich bin dem Jäger in die Falle gegangen, und der Wolf kam und sagte: ,Spring nur immer auf und ab. So kommst du rasch frei.‘ Deswegen springe ich so. Aber jetzt tun mir meine Beine schrecklich weh, und ich bin erschöpft,“ sagte der Khulan.

„Du darfst nicht so herum springen. Denn sonst wirst du dir noch die Beine brechen, und dann ist die Gefahr groß, daß du bald stirbst. Du solltest ganz stillhalten und dich tot stellen! Wenn dann der Jäger glaubt, daß du tot bist, dann wird er dich aus seiner Falle befreien. In diesem Moment musst du dann aufspringen und davonlaufen,“ riet ihm die Krähe.

Sie selbst flog auf den Dachkranz der Jurte des Jägers und krächzte laut, um ihn zu alarmieren. Der erfahrene Jäger dachte bei sich: ,Da ist mir bestimmt ein Tier in die Falle gegangen.‘ Und so griff er Pfeil und Bogen und lief zu seiner Falle, so erzählt man.

Währenddessen sagte sich der Wolf: ,Diese lästige Krähe ist gekommen und hat dem Khulan die Augen geöffnet.‘ Er stand auf, und als er sich umsah, bemerkte er den näherkommenden Jäger. ‚Jetzt ist es gleich soweit, daß ich mir den Bauch vollschlagen kann,‘ dachte der Wolf und kauerte sich wieder hin.

Als der Jäger sah, daß ein Khulan in seiner Falle saß, freute er sich und hielt ihn für tot, so sagt man. Also holte er ihn aus der Falle und setzte sich dann hin, um in Ruhe seine Pfeife zu rauchen. Da sprang der Khulan plötzlich auf. Weil der Khulan nun aber in die Richtung floh, in der der Wolf lag, schoss der Jäger in seiner Aufregung einige Pfeile auf ihn. Aber wie man sagt, dass eine schlechte Absicht ihrem Herren auflauert, traf ein verirrter Pfeil nicht den Khulan, sondern den Wolf, der in der Hoffnung, seinen Teil zu ergattern, dalag. Als er aufstand und guckte, wurde ihm das Gehirn zerschmettert, so erzählt man sich.

* ein mongolischer Wildesel, siehe das Bild

Textquelle: Khulan, kheree, tschono gurav. In: Mongol ardyn ülger. Zusammengestellt und mit einer Einleitung und Erklärungen von D. Cerensodnom. Herausgegeben von Professor A. Luvsandendev. Ulaanbaatar 1982, S. 58f. – Übersetzung: Berlinickerin
Bildquelle:Zeichnung eines mongolischen Wildesels im Brockhaus Kleines Konversations-Lexikon (5. Auflage 1911)

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Richtig geraten, was?

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