2.3 Der dumme Wolf

Heute zu einem Tiermärchen, das dem europäischen Leser bekannter vorkommt. Zumindest der titelgebende dumme Wolf deckt sich ja mit dem Wolfsbild im europäischen Märchen, aber auch hier wieder – kein Blut!

Der dumme Wolf

In längst vergangenen Zeiten ging ein Wolf einen Weg entlang, wie man sich erzählt. Da lag mitten auf dem Weg eine Blutwurst. Als der Wolf sie sah, wollte er sie fressen, aber da fehlte die Blutwurst:

zoologische Zeichnung eines Wolfs„Herr Wolf, fresst mich nicht! Ein Stückchen weiter steckt eine drei- oder vierjährige Stute im Schlamm fest. Geht doch dorthin und fresst sie?“

Der Wolf folgte den Worten der Blutwurst und als er an der entsprechenden Stelle ankam, lag tatsächlich eine dicke, drei- oder vierjährige Stute im Schlamm. Als er sie sah, wollte er sie gleich fressen, aber das Pferd sagte:

„Herr Wolf, wenn Sie mich fressen wollen, dann ziehen Sie mich erst aus dem Schlamm und fressen Sie mich dann.“

So wie sie gesagt hatte, zog er sie aus dem Schlamm und wollte sie gerade fressen, als sie wieder sprach:

„Anstatt mich jetzt so Schlamm verschmiert zu fressen, sollten Sie mich erst vom Schlamm sauber lecken und dann fressen.“

Wieder tat der Wolf, was sie sagte, leckte sie vom Schlamm sauber, aber als er sie gerade fressen wollte, sagte sie:

„Am Huf meines Hinterbeines steht etwas geschrieben. Wollen Sie es nicht lesen, bevor Sie mich fressen?“

Als der Wolf zu ihrem Hinterbein ging, um zu lesen, was dort geschrieben stand, schlug die Stute in Richtung seines Nackens aus und galoppierte davon, so erzählt man. Der Wolf stürzte ohnmächtig zu Boden. Als er wieder zu sich kam und sich umsah, war die Stute schon weit davon galoppiert. Also stand er auf und lief schnuppernd zwischen Büschen und Hügeln umher. Er hatte Glück und fand ein einjähriges Kälbchen auf einem der Hügel, sagt man. Der Wolf ging zu dem Kalb und wollte es fressen, als es sagte:

„Wenn Sie mich auf dem Hügel fressen, dann werden Sie die Menschen sehen. Bringen Sie mich in eine kleine Schlucht und fressen Sie mich dort!“ Es sagte: „Herr Wolf, Sie scheinen müde und erschöpft zu sein. Reiten Sie auf mir!“

Der Wolf stieg auf das Kälbchen auf, so erzählt man sich.

„Wenn wir in die Schlucht absteigen, schließen Sie besser die Augen, damit Ihnen nicht schwindelig wird,“ sagte das Kalb.

Der Wolf schloß also seine Augen. Das Kalb aber trug den Wolf kurzerhand bis vor den Ail* seiner Menschenfamilie. Lärmend und rufend jagten die Menschen den Wolf unter Prügel davon.

Als der Wolf wegrannte. jammerte er:

„Was mache ich in den fernen Bergen?
Was mache ich in der Nähe der Zweibeiner?
Ich bin ein Großköpfiger,
daß ich die Straße entlang gegangen bin.
Und ein Dummkopf,
daß ich auf die Blutwurst reingefallen bin.
Bin ich der Besitzer, daß ich das Pferd aus dem Schlamm zog?
Bin ich die Mutter, daß ich die Stute sauber leckte?
Wann habe ich lesen und schreiben gelernt?
Und habe ich etwa Beine, um zu reiten?
Und habe ich etwa Augen, um sie zu schließen?
Was mache ich in den fernen Bergen?
Was mache ich in der Nähe der Zweibeiner?“

* ein Ail ist eine Gruppe von Jurten einer Familie, einer Sippe

Textquelle: Teneg tschono. Aus: Mongol ardyn ülger. (Mongolische Volksmärchen). Zusammengestellt und mit einer Einleutung und Erklärungen von D. Cerensodnom. Herausgegeben von Professor A. Luvsandendev. Ulaanbaatar 1982, S. 59f. – Übersetzung: Berlinickerin
Bildquelle:zoologische Zeichnung eines Wolfs von John Henry Walsh (1859)

*******

Man muss es halt zugeben: Der Wolf ist wirklich, wirklich dumm. Der Tausch von Blutwurst und Stute war ja noch eine prima Idee, wie auch ein sauberes Essen, aber eine Lesestunde? Naja.

Übrigens ganz typisch für mongolische Versepik ist die Alliteration, das heißt der Reim der ersten Silbe von mehreren Zeilen statt der bei uns übliche Endreim. Das ist aber verflixt schwer zu übersetzen, weil Mongolisch und Deutsch gänzlich anders funktionieren. Und so habe ich mich etwas gedrückt. 😀

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