2.2 Die ruhmreiche weiße Stute

Heute kommen wir zu einem der berühmtesten mongolischen Tiermärchen, das nicht nur wunderschön ist und das echte Verständnis der Mongolen für ihr wichtigstes und verehrtestes Haustier zeigt, sondern auch typisch, ja einmalig für die Mongolei ist.

Die ruhmreiche weiße Stute

Eine ruhmreiche weiße Stute lebte mit dem ruhmvollen weißen Fohlen, mit den zweiundsiebzig Gefährten und mit dem heiligen rehbraunen Hengst. In ihrer Gegend gab es eines Sommers eine große Dürre, und aus der Erde wuchs kein Gras, so erzählt man. Da sagte die ruhmreiche weiße Stute zu ihren zweiundsiebzig Gefährten und ihrem heiligen rehbraunen Hengst „Lasst uns fortgehen.“ Und sie verließen ihre Heimat und suchten drei Jahre lang nach Gras. Da stießen sie endlich auf eine schöne Gegend mit sprießendem Gras, so sagt man. Dort lebten sie nun, tranken klares Wasser, fraßen zartes Gras und leckten gutes Salz.

Mongolische, wenn auch nicht weiße PferdeEines Tages spielte die ruhmreiche weiße Stute mit ihren zweiundsiebzig Gefährten und ihrem heiligen rehbraunen Hengst am Ufer eines Flusses, so erzählt man. Am Ufer dieses Flusses lagen sieben Gänseeier und beim Spielen und Toben zertraten sie jene sieben Eier. Da sprach die ruhmreiche weiße Stute zu ihren zweiundsiebzig Gefährten und zu ihrem heiligen rehbraunen Hengst: „Lasst uns jetzt fortgehen. Nachdem wir uns in der Gegend der Menschen so aufgeführt und die sieben weißen Eier eines Vogels totgetreten haben und zu Feinden geworden sind, wie können wir da noch länger bleiben? Wir wollen rasch in unsere Heimat zurückkehren. Das Heer der Vögel wird kommen und uns bei der Morgensonne voller Hass töten wollen.“

Aber die zweiundsiebzig Gefährten hörten nicht auf ihre Worte. Und am nächsten Morgen kam das Heer der Vögel herangerast und schoss auf die zweiundsiebzig Gefährten und den heiligen rehbraunen Hengst mit Pfeil und Bogen und, nachdem sie auf sie eingehackt hatten, waren sie alle tot. Allein die ruhmreiche weiße Stute mit ihrem ruhmvollen weißen Fohlen blieb zurück, so sagt man. Das Heer der Vögel griff von einer Seite her an, um die beiden zu töten. Als sie die Stute von hinten angriffen, nahm sie ihr Fohlen vor sich und beschützte es, so sagt man. Als sie sie von vorn her angriffen, nahm sie ihr Fohlen hinter sich und beschützte es, so sagt man. Als sie von unten her kamen, nahm sie ihr Fohlen über sich und beschützte es, so sagt man. Als sie von oben her angriffen, nahm sie ihr Fohlen unter sich und beschützte es, aber unterdessen hatten die Soldaten der Vögel die Hoffnung verloren, sie zu töten, und flogen davon.

Nachdem die ruhmreiche, weiße Stute so mit dem Leben davongekommen war, sagte sie: „Mein Kindchen, nun wollen wir in unsere Heimat zurückkehren.“ Und so hielten sie auf ihre Heimat zu und kehrten in ihre drei Jahre Wegs entfernte Heimat zurück – die Strecke eines Jahres zu der eines Monats, die Strecke eines Monats zu der eines Tages verkürzend, so erzählt man.

Da fragte das Fohlen seine Mutter: „Mama! Mama! Was sind das für Beulen an Eurem Körper?“ Seine Mutter sagte: „Mein Kind, als wir den Pass mit den vielen Karagana* überquerten, wird wohl von denen etwas hängengeblieben sein.“ Da sagte das Fohlen: „Mama! Mama! Aus Eurem Körper kommt etwas Rotes heraus, was ist das?“ „Mein Kind, als wir den Pass mit viel Eisenmennige** überschritten, wird wohl etwas davon haften geblieben sein,“ sagte die Stute. Wieder fragte das Kind: „Mama! Warum gehen deine vier Beine überkreuz?“ „Mein Kind, nachdem die Mama über so weite Strecken und an so langen Gewässern entlang gelaufen sind, ist sie wohl müde.“

Wie beide so dahinliefen, kamen sie schließlich in ihre Heimat. Nachdem die ruhmreiche weiße Stute ihr Fohlen in seine Heimat gebracht hatte, bekam sie Wundfieber und starb. Ihrem Fohlen legte sie ans Herz: „Mein Kindchen, nächtige nie an Nordhängen, denn dort stürmt es und Wölfe kommen gerne dorthin. Schlafe stets an den geschützten Südhängen. Gehe nie vorne an den Türen eines Ails*** vorbei, denn dann lassen die Kinder ihre Hunde frei. Wenn du nur hinten vorbeiläufst, sieht dich niemand. Und schlafe nie auf verlassenen Jurtenplätzen, denn stecken häufig noch Nähnadeln und Stopfnadeln im Boden. Schlafe immer an unberührten Orten. Wenn du mit unseresgleichen läufst, dann gehe immer am Rande der Herde. Und wenn ihr Wasser trink geht, laufe immer als erstes ins Wasser und trink. Läufst du am Ende der Herde, wird dich wohl der Herr der Herde schlagen. Geh auch nicht in der Mitte. Dort wird man dich stoßen und treten. Und wenn dann drei Jahre vergangen sind, mein Kindchen, dann komme zurück zum Leichnam deiner Mutter.“

Als das ruhmvolle weiße Fohlen nicht auf die Worte seiner Mutter hörte und an einem Nordhang schlief, wäre es beinahe von einem Wolf gefressen worden und in Wind und Schneesturm erfroren. Da weinte und weinte es, lief im Passgang und sagte: „Die Worte, die meine Mutter mir gesagt hat, wie sind die doch schön und wahr.“ Und von dort an schlief es schön ruhig an Südhängen, so sagt man. Wieder hörte es nicht auf die Worte seiner, als es an der Vorderseite eines Ails vorbeilief. Da packten es auch gleich die Hunde und wollten es fressen, die Kinder fingen es ein und wollten es reiten. Es entkam ganz erschöpft, so erzählt man. „Die Worte, die meine Mutter mir gesagt hat, wie sind sie doch wahr,“ sagte es, weinte und weinte, lief im Passgang, und ging von dort an hinter den Jurten lang.

Als es vor seinen Gefährten ans Wasser ging, fand es schönes klares Wasser, so sagt man. Als es aber am Ende seiner Gefährten lief, schlug und knuffte es der Herr der Herde und es trank trübes Wasser. In der Mitte der Herde traten und stießen es seine Gefährten. Als es aber am Rand seiner Herde lief, da wurde es weder von Mensch noch von Tier geschlagen, es fraß das frischeste Gras und lief ruhig und friedlich, so erzählt man. „Die Worte, die meine Mutter mir gesagt hat, was sind das doch für wahre, schöne Worte,“ sagte es sich, schlug lebensfroh mit seinem Kopf und scheute übermütig vor dem Staub, den es aufwirbelte.

Als es zum Leichnam seiner Mutter lief, bevor drei Jahre vorbei waren, lagen dort noch die Innereien und Gedärme. Als aber drei Jahre vergangen waren und es noch einmal zu seiner Mutter zurückkehrte, gab es dort Honig und Zucker. Und nachdem es sich an beidem satt gefressen hatte, rannte es übermütig umher, schlug mit dem Kopf und scheute vor dem eigenen Staub.

Da traf es einen Jungen namens Erkhij mergen khüü, den besten der Männer, so erzählt man sich. Dieser fragte das Fohlen: „Bist du mein Pferd?“ Da erwiderte das Fohlen: „Ja. Und bist du mein Herr?“ „Ja“, sagte Erkhij mergen khüü. „Wenn du wirklich mein Herr bist, dann fang mich!“ rief das Fohlen und sprang fort. Doch der Junge fing es ein, zog ihm silbernes Zaumzeug und einen silbernen Sattel auf, so sagt man.

Da sagte das Fohlen: „Um sicher zu sein, dass du mein Herr bist, will ich buckeln, dass die Berge zu Steppe und die Steppe zu Tälern werden. Bleibst du auf mir, weiß ich, dass du mein Herr und ein tüchtiger Mann bist. Fällst du jedoch herunter, bist du nicht mein Herr und ich bin nicht dein Pferd.“ Als es buckelte, bis die Berge zu Steppe wurde und die Steppe zu Tälern, aber Erkhij mergen khüü blieb fest auf seinem Rücken. Und so wusste der Herr wirklich, dass es sein Pferd war, und das Pferd erkannte seinen Herrn, so erzählt man sich.

 

* und ** offensichtlich stachelige beziehungsweise färbende Pflanzen, aber ich weiß auch nicht, wie die aussehen
*** ein Ail ist die gruppe von Jurten zum Beispiel einer Familie

 

Textquelle: Cuutjn cagaan güü. Aus: Mal adsch akhujn kholbogdoltoj ardyn aman zokhiol (Mündliche Volksliteratur in Zusammenhang mit der Viehwirtschaft). Zusammengestellt von B. Sodnom. Redakteur G. Rentschinsambuu. Ulaanbaatar 1956, S. 122-125. – Übersetzung: Berlinickerin
Bildquelle: Mongolische Pferde in buddhistischer Kunst)

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Wörtlich heißt ‚Erkhij mergen khüü‘ übrigens ‚der Junge mit dem treffsicheren Daumen‘. Zu ihm und seinem Pferdchen – dann beide in erwachsen – gibt es auch noch einen ganz berühmten mongolischen Mythos, aber den dann ein andern Mal… 😀

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