2.1 Der Fuchs, der Igel und der Wolf – ein mongolisches Tiermärchen

Nach der letztwöchigen Geburtstagsfeier für Hans Christian Andersen, komme ich diese Woche zum (Mit-)Ursprung meiner Märchenbegeisterung. Nämlich mongolischen Tiermärchen, die meiner unbescheidenen Meinung nach die schönsten, klügsten und lustigsten Tiermärchen sind, die es überhaupt gibt. Sehr diese Woche also als Versuch, euch zu bekehren. 😀

Für den Anfang eines meiner liebsten und ganz typischen Tiermärchen der Mongolen, nämlich:

Der Fuchs, der Igel und der Wolf

Vor langer Zeit lebten ein Wolf, ein Fuchs und ein Igel. Eines Tages fanden sie eine Pflaume bei ihrer Suche nach etwas Fressbarem und besprachen miteinander, wer von ihnen sie essen sollte.

PflaumeDer Wolf sagte: „Wer von uns von Arkhi* am leichtesten betrunken wird, der soll sie fressen.“ Mit diesem Vorschlag waren alle einverstanden. Da sprach der Wolf: „Wenn ich nur etwas davon koste, bin ich schon betrunken.“

Der Fuchs sagte: „Wenn ich ihn nur rieche, werde ich schon betrunken.“

Der Igel aber saß da und schwankte und wankte ganz furchtbar. Als die beiden anderen das sahen, fragten sie: „Was ist mir dir?“

„Oh, ich bin schon betrunken, wo ich euch so reden höre über den Arkhi,“ antwortete der Igel. So kam es, daß der Igel die Pflaume fressen wollte.

Aber der Fuchs sagte: „Laßt uns um die Wette laufen, und wer erster ist, soll sie fressen.“

Nachdem die anderen sich damit einverstanden erklärt hatten, liefen sie um die Wette. Dabei, so erzählt man sich, hängte sich der Igel an den Schwanz des Fuchses. Der Fuchs kam in scharfem Tempo angaloppiert und dachte bei sich, dass er gewonnen hätte, aber als er sich umschaute, stand da der Igel hinter ihm und sagte: „Bist du etwa erst jetzt hier angekeucht gekommen?“

Und so wurde der Igel der Erste und fraß genüßlich die Pflaume.

 

* mongolischer Schnaps, der aus Stutenmilch gebraut wird

 

Textquellen für die Verschmelzung zweier Varianten: Üneg, zaraa, tschono gurav. Aus: Mongol ardyn ülger. (Mongolische Volksmärchen). Zusammengestellt von S. Scharavsambuu. Illustriert von D. Zagsüren. Digitalisiert von B. Scharaa. Ulaanbaatar 1998, S. 80. & Ötschüükhen ülger (Ein winziges Märchen). Aus: Mongolyn khoshin ülger, jaria. B. Sodnom, G. Rintschensambuu nar bolovsruulav. Ulaanbaatar 1961, S. 49.- Übersetzung: Berlinickerin
Bildquelle:Bildausschnitt aus: Franz Bley & H. Berdrow: Botanisches Bilderbuch für Jung und Alt (1897)

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Zugegeben, ich bin mir nicht so sicher, ob es tatsächlich Pflaumen in der mongolischen Steppe gibt. Aber mal abgesehen von diesem Detail bin ich doch jedes Mal wieder beglückt von dem Witz dieses Tiermärchens. Und das eben ist ganz typisch für dieses Genre in der Mongolei. Anstatt Mord und Totschlag, wie man es zum Beispiel aus Der Wolf und die sieben Geißlein kennt, gibt es Lügenwettbewerbe und Mutterwitz. Es gewinnt nicht der Stärkste, sondern der Dreisteste, Cleverste.

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