1.7 Hans Christian Andersens “Schneekönigin” – Siebente Geschichte

Und damit sind wir pünktlich zum Ostersonntag – Frohe Ostern! – schon bei der siebten und letzten Geschichte! Das ging schnell…

Schneekönigin
Siebente Geschichte
Von dem Schlosse der Schneekönigin, und was sich später darin zutrug

Des Schlosses Wände waren gebildet von dem treibenden Schnee, und Fenster und Thüren von den schneidenden Winden; darin waren über hundert Säle, alle, wie der Schnee sie zusammentrieb, der größte erstreckte sich mehrere Meilen lang, alle beleuchtet von dem starken Nordlicht, und sie waren so groß, so leer, so eisig kalt und so glänzend. Nie gab es hier Lustbarkeit, nicht einmal einen kleinen Bären-Ball, wozu der Sturm hätte aufspielen und die Eisbären hätten auf den Hinterfüßen gehen und dabei ihre feinen Manieren zeigen können; nie eine kleine Spielgesellschaft mit Maulklapp und Tatzenschlag; nie ein klein Bischen Kaffee-Klatsch von den weißen Fuchs-Fräulein; leer, groß und kalt war es in der Schneekönigin Sälen. Die Nordlichter flammten so genau, daß man zählen konnte, wann sie am höchsten und wann sie am niedrigsten standen. Die schöne SchneeköniginMitten in diesem leeren unendlichen Schneesaale war ein zugefrorener See; der war in tausend Stücke zersprungen, aber jedes Stück war dem andern so gleich, daß es ein ganzes Kunstwerk war; und mitten auf diesem saß die Schneekönigin, wenn sie zu Hause war, und dann sagte sie, daß sie im Spiegel des Verstandes säße, und daß dieser der einzige und beste in der Welt sei.

Der kleine Kay war ganz blau vor Kälte, ja fast schwarz, aber er merkte es doch nicht, denn sie hatte ihm den Frostschauer abgeküßt und sein Herz glich einem Eisklumpen. Er ging und schleppte einige scharfe flache Eisstücke, die er auf alle mögliche Weise aneinander fügte, denn er wollte damit etwas herausbringen; es war gerade, als wenn wir kleine Holztafeln haben und diese in Figuren zusammen legen, was man das chinesische Spiel nennt. Kay ging auch und legte Figuren, die allerkünstlichsten; das war das Eisspiel des Verstandes; in seinen Augen waren die Figuren ganz ausgezeichnet und von der höchsten Wichtigkeit; das machte das Glaskörnchen, welches ihm im Auge saß! Er legte ganze Figuren, die ein geschriebenes Wort waren, aber nie konnte er es dahin bringen, das Wort zu legen, das er gerade haben wollte, das Wort: Ewigkeit, und die Schneekönigin hatte gesagt: „Kannst du die Figur ausfindig machen, dann sollst du dein eigener Herr sein und ich schenke dir die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe.“ Aber er konnte es nicht.

„Nun sause ich fort nach den warmen Ländern!“ sagte die Schneekönigin, „ich will hinfahren und in die schwarzen Töpfe hinein sehen!“ — Das waren die feuerspeienden Berge Aetna und Vesuv, wie man sie nennt. „Ich werde sie ein wenig weiß machen! Das gehört dazu, das thut den Citronen und Weintrauben gut!“ und davon flog die Schneekönigin, und Kay saß ganz allein in dem viele Meilen großen, leeren Eissaal, betrachtete die Eisstücke und dachte und dachte, so daß es in ihm knackte; ganz steif und stille saß er, man hätte glauben sollen, er wäre erfroren.

Da geschah es, daß die kleine Gerda durch das große Thor in das Schloß trat. Hier herrschten schneidende Winde; aber sie betete ein Abendgebet, da legten sich die Winde, als ob sie schlafen wollten, und sie trat in die großen, leeren, kalten Säle hinein — da erblickte sie Kay, sie erkannte ihn, sie flog ihm um den Hals, hielt ihn dann fest und rief: „Kay! lieber kleiner Kay! Da habe ich dich endlich gefunden!“

Aber er saß ganz stille, steif und kalt; — da weinte die kleine Gerda heiße Thränen, die fielen auf seine Brust, sie drangen in sein Herz, sie thauten den Eisklumpen auf und verzehrten das kleine Spiegelstück darin; er betrachtete sie und sie sang:

„Rosen, die blüh’n und verwehen.
Wir werden das Christ-Kindlein sehen!“

Da brach Kay in Thränen aus; er weinte, daß das Spiegelkörnchen aus dem Auge schwamm, er erkannte sie und jubelte: „Gerda! liebe kleine Gerda! — Wo bist du doch so lange gewesen? Und wo bin ich gewesen?“ Und er blickte rings um sich her. „Wie kalt es hier ist! Wie es hier weit und leer ist!“ Und er klammerte sich an Gerda an, und sie lachte und weinte vor Freude; das war so herrlich, daß selbst die Eisstücke vor Freude rings herum tanzten, und als sie müde waren und sich niederlegten, lagen sie gerade in den Buchstaben, von denen die Schneekönigin gesagt hatte, daß er sie ausfindig machen sollte, dann wäre er sein eigener Herr, und sie wolle ihm die ganze Welt und ein Paar neue Schlittschuhe geben.

Gerda und Kay im Saal aus SchneeUnd Gerda küßte seine Wangen, und sie wurden blühend; sie küßte seine Augen, und sie leuchteten gleich den ihrigen, sie küßte seine Hände und Füße, und er war gesund und munter. Die Schneekönigin mochte nun nach Hause kommen: sein Freibrief stand da mit glänzenden Eisstücken geschrieben.

Und sie faßten einander bei den Händen und wanderten aus dem großen Schlosse hinaus; sie sprachen von der Großmutter und von den Rosen oben auf dem Dache; und wo sie gingen, ruhten die Winde und die Sonne brach hervor; und als sie den Busch mit den rothen Beeren erreichten, stand das Rennthier da und wartete; es hatte ein anderes junges Rennthier mit sich, dessen Euter voll waren, und dieses gab den Kleinen seine warme Milch und küßte sie auf den Mund. Dann trugen sie Kay und Gerda erst zur Finnin, wo sie sich in der heißen Stube auswärmten und über die Heimreise Bescheid erhielten, dann zur Lappin, welche ihnen neue Kleider genäht und ihren Schlitten in Stand gesetzt hatte.

Das Rennthier und das Junge sprangen zur Seite und folgten, gerade bis zur Grenze des Landes; dort sproßte das erste Grün hervor, da nahmen sie Abschied vom Rennthiere und von der Lappin. „Lebt wohl!“ sagten Alle. Und die ersten kleinen Vögel begannen zu zwitschern, der Wald hatte grüne Knospen, und aus ihm kam auf einem prächtigen Pferde, welches Gerda kannte (es war vor die goldene Kutsche gespannt gewesen), ein junges Mädchen geritten mit einer glänzenden rothen Mütze auf dem Kopfe und Pistolen im Halfter; das war das kleine Räubermädchen, welches es satt hatte, zu Hause zu sein, und nun erst gegen Norden und später, wenn ihr das nicht zusagte, nach einer andern Weltgegend hin wollte, sie erkannte Gerda gleich, und Gerda erkannte sie, das war eine Freude!

„Du bist ein schöner Patron mit Herumschweifen!“ sagt: sie zum kleinen Kay; „ich möchte wissen, ob du verdienst, daß man deinethalben bis an der Welt Ende läuft!“

Aber Gerda klopfte ihr die Wangen, und fragte nach dem Prinzen und der Prinzessin.

„Die sind nach fremden Ländern gereist!“ sagte das Räubermädchen.
„Aber die Krähe?“ fragte Gerda.

„Ja die Krähe ist todt!“ erwiderte sie. „Die zahme Geliebte ist Wittwe geworden und geht mit einem Endchen schwarzen wollenen Garns um das Bein; sie klagt ganz jämmerlich, und Geschwätz ist das Ganze! — Aber erzähle mir nun, wie es dir ergangen ist, und wie du ihn erwischt hast.“

Und Gerda und Kay erzählten.

„Snip-Snap-Snurre-Purre-Basselurre,“ sagte das Räubermädchen, nahm beide bei den Händen und versprach, daß, wenn sie je durch ihre Stadt kommen sollte, sie hinaufkommen wolle, sie zu besuchen, und dann ritt sie in die weite Welt hinaus. Aber Kay und Gerda gingen Hand in Hand, und wie sie gingen, war es herrlicher Frühling mit Blumen und mit Grün; die Kirchenglocken läuteten, und sie erkannten die hohen Thürme, die große Stadt, es war die, in der sie wohnten, und sie gingen in dieselbe hinein und hin zur Thür der Großmutter, die Treppe hinauf, in die Stube hinein, wo Alles wie früher auf derselben Stelle stand, und die Uhr ging: „tick! tack!“ Und die Zeiger drehten sich; aber indem sie durch die Thür gingen, bemerkten sie, daß sie erwachsene Menschen geworden waren. Die Rosen aus der Dachrinne blühten zum offenen Fenster herein, und da standen die kleinen Kinderstühle, und Kay und Gerda setzten sich ein Jedes auf den seinigen und hielten einander bei den Händen; die kalte leere Herrlichkeit bei der Schneekönigin hatten sie gleich einem schweren Traum vergessen. Die Großmutter saß in Gottes hellem Sonnenschein und las laut aus der Bibel: „werdet ihr nicht wie die Kinder, so werdet ihr das Reich Gottes nicht erben!“

Und Kay und Gerda sahen einander in die Augen, und sie verstanden auf einmal den alten Gesang:

„Rosen, die blüh’n und verwehen,
Wir werden das Christ-Kindlein sehen!“

Da saßen sie beide, erwachsen und doch Kinder, Kinder im Herzen, und es war Sommer, warmer, wohlthuender Sommer.

 

Textquelle: Hans Christian Andersen’s Gesammelte Werke. Vom Verfasser selbst besorgte Ausgabe. Zwölfter Band: Gesammelte Märchen, Erster Theil. Leipzig: Verlag von Carl B. Lorck 1847, S. 111-117.
Bildquellen: letzte Illustration von Vilhelm Pedersen zu dieser Ausgabe des Märchens und letzte Briefmarke der DDR-Serie von 1972

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Irgendwie hatte ich das etwas dramatischer in Erinnerung… nicht, dass Gerda einfach reinspaziert und alles ist super. Hmmm… Und das Ende ist dann natürlich doch eine echte Moralkeule. Nicht dass ich der Botschaft nichts abgewinnen kann, aber subtil ist es gerade nicht.

Und damit fällt mir jetzt auch endlich an, woran mich die Schneekönigin noch erinnert – an die Bücher von Erich Kästner. Wobei der Mittelteil dann der 35. Mai wäre, bevor es zu den nicht so schrägen und ja auch recht moralischen Büchern wie Pünktchen und Anton wird. Naja. Wäre natürlich eh umgekehrt…

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