1.1 Hans Christian Andersens „Schneekönigin“ – Erste Geschichte

Starten wir in den Märchensammler mit einem der schönsten Klassiker des (Kunst-)Märchens, nämlich die berühmte Schneekönigin von dem ebenso berühmten dänischen Schriftsteller Hans Christian Andersen. Der zudem heute Geburtstag hat. Wenn das kein Zeichen ist. 😀

Andersen schuf eine Reihe der bis heute zurecht beliebtesten Märchen, indem er Märchenmotive in wunderschöne Sprache goss.
Die Schneekönigin wurde erstmals 1845 unter ihrem dänischen Originaltitel Snedronningen gedruckt und ist seither nicht nur in unzähligen Auflagen und Übersetzungen von Andersens Märchen erschienen, sondern auch in beinahe ebenso unzähligen Adaptionen in Literatur und Film.

Hier aber ’nur‘ das Märchen und da es passenderweise – wie nochmal extra für den Märchensammler gemacht – in sieben Geschichten eingeteilt ist, gibt es also jeden Tag eine. Und somit heute die erste:

Schneekönigin
Erste Geschichte,
welche von dem Spiegel und den Scherben handelt

Seht! nun fangen wir an. Wenn wir am Ende der Geschichte sind, wissen wir mehr, als jetzt, denn es war ein böser Kobold! es war einer der allerärgsten, es war „der Teufel!“ Eines Tags war er recht bei Laune, denn er hatte einen Spiegel gemacht, welcher die Eigenschaft besaß, daß alles Gute und Schöne, was sich darin spiegelte, fast zu Nichts zusammenschwand, aber das, was nichts taugte und sich schlecht ausnahm, hervortrat und noch ärger wurde. Die herrlichsten Landschaften sahen wie gekochter Spinat darin aus und die besten Menschen wurden widerlich oder standen auf dem Kopfe ohne Rumpf, die Gesichter wurden so verdreht, daß sie nicht zu erkennen waren, und hatte man einen Sonnenfleck, so konnte man überzeugt sein, daß er sich über Nase und Mund verbreitete. Das sei äußerst belustigend, sagte der Teufel. Fuhr nun ein guter frommer Gedanke durch einen Menschen, dann zeigte sich ein Grinsen im Spiegel, so daß der Teufel über seine künstliche Erfindung lachen mußte. Alle, welche die Koboldschule besuchten, denn er hielt Koboldschule, erzählten rings umher, daß ein Wunder geschehen sei; nun könnte man erst sehen, meinten sie, wie die Welt und die Menschen wirklich aussähen. Sie liefen mit dem Spiegel umher, und zuletzt gab es kein Land oder keinen Menschen mehr, welcher nicht verdreht darin gewesen wäre. Nun wollten sie auch zum Himmel selbst auffliegen, um sich über die Engel und „den lieben Gott“ lustig zu machen.

Der Spiegel und die Kobolde

Je höher sie mit dem Spiegel flogen, um so mehr grinste er, sie konnten ihn kaum festhalten; sie flogen höher und höher, Gott und den Engeln näher; da erzitterte der Spiegel so fürchterlich in seinem Grinsen, daß er ihren Händen entflog und zur Erde stürzte, wo er in hundert Millionen, Billionen und noch mehr Stücke zersprang, und da gerade verursachte er weit größeres Unglück als zuvor; denn einige Stücke waren kaum so groß als ein Sandkorn, und diese flogen rings umher in der weiten Welt, und wo Jemand sie in das Auge bekam, da blieben sie sitzen, und da sahen die Menschen Alles verkehrt oder hatten nur Augen für das Verkehrte bei einer Sache, denn jede kleine Spiegelscherbe hatte dieselben Kräfte behalten, welche der ganze Spiegel besaß; einige Menschen bekamen sogar eine kleine Spiegelscherbe in das Herz, und dann war es ganz gräulich; das Herz wurde einem Klumpen Eis gleich. Einige Spiegelscherben waren so groß, daß sie zu Fensterscheiben verbraucht wurden, aber durch diese Scheiben taugte es nicht, seine Freunde zu betrachten; andere Stücke kamen in Brillen, und dann ging es schlecht, wenn die Leute diese Brillen aufsetzten, um recht zu sehen und gerecht zu sein; der Böse lachte, daß ihm der Bauch platzte, und das kitzelte ihn so angenehm. Aber draußen flogen noch kleine Glasscherben in der Luft umher. Nun werden wir’s hören!

 

Textquelle: Hans Christian Andersen’s Gesammelte Werke. Vom Verfasser selbst besorgte Ausgabe. Zwölfter Band: Gesammelte Märchen, Erster Theil. Leipzig: Verlag von Carl B. Lorck 1847, S. 69-71.
Bildquelle: Erste Illustration zur Ersten Geschichte von Andersens Schneekönigin von Vilhelm Pedersen, eben zu der hier zitierten Textausgabe

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Allein das Bild von dem Spiegel, der Gutes schlecht macht und damit natürlich uns und unserem Urteil erst recht den Spiegel vorhält, und die Hybris, ihn auch Gott vorzuhalten (ob man nun an Gott glaubt oder nicht, Hybris auf jeden Fall), und dann vor allem die Scherben und Splitterchen, die durch die Welt rasen… So treffend schrecklich und doch zugleich so wunderschön.

Morgen im Märchensammler die zweite Geschichte oder: wie ein Glassplitterchen ein Jungenherz halb gefrieren lässt…

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